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Wie ich einmal Fusspilz hatte

Seit einiger Zeit juckt’s linksseits zwischen dem kleinsten Zeh und seinem etwas grösseren Nachbarn. Monatelang gelingt es mir, meine medizinische Vermutung mit dem unbewussten Argument zu ignorieren, dass es sich hier um eine Erkrankung handelt, die in den 80iger Jahren – und nur da – stattgefunden hat, aber irgendwann lässt ein optischer Abgleich der betroffenen Stelle mit einer Google Bildersuche nur wenig Zweifel offen und so geh ich in die Apotheke, in die ich meistens gehe, frage nach was gegen Fusspilz und was denn dieses Lamisil Once taugt, das damit beworben wird, dass einmalige Anwendung reicht. Die herkömmlichen Cremes muss man wochenlang täglich zwei mal auftragen, sonst wird alles nur noch schlimmer, so heisst es.

Der bislang noch sehr freundliche Apotheker rollt die Augen und meint, davon halte er “gar nichts”. Frag ich: Wieso? Sagt er: dass es nicht funktioniert. Frag ich wieder: Was das heisst? Meint er: dass es nichts bringt. Dabei sinkt mit jeder weiteren Frage-Antwort-Runde die Stimmung des Apothekers und gleichzeitig steigt im umgekehrten Verhältnis die Genervtheit meinerseits. Und es geht ungefähr noch eine Minute so weiter: Ich frage nach der Begründung, warum er nichts von dem Zeug hält und er antwortet mit Sätzen wie “es tut nicht, was es soll”. ‘Reinhold-Helge, Reinhold-Helge, drei Monate lang nur diese beiden Namen.’ – das fällt mir leider erst hinterher ein, sonst hätte ich wohl vor Ort laut losgelacht.

Irgendwann, nachdem ich dargelegt habe, dass ich das Einmal-Zeug auch deutlich billiger hätte bestellen können und gekommen bin, um für Filial-Apothekenpreise eine gewisse Beratung zu erhalten, lässt er dann raus, dass er sich auf die Erfahrung mit seinen Kunden bezieht. Die meisten, die es gekauft hätten, wären enttäuscht und mit schlimmen Rückfällen wiedergekommen und hätten gierig das herkömmliche Zeug verlangt, wobei er “gierig” nicht sagt, aber dem Tonfall nach wohl meint. Frag ich also, um wie viele Kunden es denn geht und komme der Entgegnung, dass er das ja nun mal ganz bestimmt nicht mitzählt, gerade noch zuvor, indem ich ihm verschiedene Grössenordnungen zur Auswahl stelle: “Einen pro Monat? Zehn? Hundert? Tausend?”, worauf er zischt: “95 Prozent”, sich dann sichtbar erinnert, dass es hier mit jemandem zu tun hat, der es “ganz genau” nimmt und nachschiebt: “von etwa 25 Kunden im Monat”. Ich sage: alles klar, das reicht mir, dann bitte das herkömmliche Zeug. Er guckt verwirrt, fragt noch mal nach, schiebt mir die Tube rüber, gibt mir das Wechselgeld und wendet sich ohne Verabschiedung den Mädels zu, die hinter mir anstehen. Ich male mir aus, wie er sich mit denen jetzt gleich sehr einig sein wird, was für ein ätzender Kunde das gerade war, während er ihnen rückfragefrei ne Schachtel Meditonsin aus dem Regal direkt hinter ihm auf Augenhöhe verkauft.

Auf dem Nachhauseweg denk ich: was für ein Horst und auch: wie symptomatisch. Mal abgesehen davon, dass der gereizte Pharmazeut von genau gar keiner Erklärung auf einmal auf einen recht spezifisch klingenden Prozentwert kommt und trotz seiner offen vorgebrachten Abneigung gegen das Einmal-Mittel 25 Kunden im Monat dafür haben will, wird mir hier etwas über das typische Apotheker-Kunde-Verhältnis klar. Mir scheint deutlich geworden zu sein, dass dieser Apotheker schlicht und ergreifend nicht damit gerechnet hatte und es nicht gewohnt ist, von Kunden in seiner Meinung und seinen medizinischen Empfehlungen hinterfragt zu werden. Nur so kann ich mir erklären, dass schon ein einfaches “warum?” auf seine nichtssagende Antwort auf die Stimmung schlägt und auch nur so erklärt sich mir der äusserst langwierige Versuch, mich durch verschätfung der Tonlage zu überzeugen und nicht durch Sachargumente. Und da dies zwar ein krasser, aber nicht der erste derartige Fall ist, den ich in verschiedenen Apotheken erlebt habe: Es scheint in dieser Branche einfach nicht üblich zu sein, Medizin sachlich zu erklären und ich vermute, das liegt weniger an einer allgemeinen Neigung des Apothekerstandes zum Schwammigen, sondern daran, dass das einfach auch viel zu wenig nachgefragt wird.

Und deswegen scheint es mir wichtig, genau das zu tun und sich eben nicht um der guten Stimmung im Verkaufsgespräch willen um kritische Fragen auf vorschnelle Antworten zu drücken: “Warum empfehlen Sie mir genau das für mein Symptom” – “Was macht Zink und wie wirkt das?” – “Gibt’s da Studien zu?” – “Umckaloabo – was ist das überhaupt?”. So in der Art. Der Witz ist ja: Apotheker müssen sowas wissen und tun das auch meistens. Wenn aber seitens der Kundschaft der Eindruck erzeugt wird, dass möglichst sinnlich klingende Antworten auf medizinische Fragen (“stärkt die körpereigenen Abwehrkräfte”, “wirkt sanft und ohne Nebenwirkungen”) die grösste Kundenzufriedenheit erzielen, dann wird auch genau das angeboten und erwartet. Und das scheint mir ein lösbares Problem zu sein – man muss es nur tun.

Kommentare

  1. Casado

    Hallo Stephan,

    bin durch den Impfgegner-Artikel (übrigens sehr gut. Chapeau!) hierauf gestoßen. Als leidenschaftlicher Apotheker (selbstständig) kann ich das Verhalten des Kollegen (angestellt?) nicht nachvollziehen und muss es sogar missbilligen. Ob er mit seiner Einschätzung Recht hat, dass Lamisil Once nicht oder nur ungenügend funktioniert, stelle ich nicht Infrage – jedoch gehört oft zum richtigen Therapieerfolg die richtige Anwendung (und wenn der Kollege alle seine bisherigen Lamisil Once-Kunden so “beraten” hat, dann erklärt sich mir seine 95%-Quote.)

    Das Fazit möchte auch ich Allen hier lesenden raten: hinterfragen Sie die Empfehlungen und stellen Sie selber aktiv Fragen! (Da in Apotheken häufig PTAs bedienen, kann es allerdings auch schonmal vorkommen, dass diese damit an den Rand ihrer Weisheit kommen – was jedoch für alle Beteiligten in der Regel nur Vorteile bedeutet.)

    Gleiches übrigens auch beim Arzt: Worauf stützt er seine Diagnose, welchen Zweck bzw. welche Therapieansätze verfolgen seine Arzneimittelverordnung(en). Leider bemerken wir hin- und wieder, dass sich der behandelnde Arzt aus welchen Gründen auch immer kaum Gedanken über seine Verordnungen gemacht hat – nach dem Motto: Hauptsache der Patient ist schnell wieder draußen, der Nächste wartet ja schon.

    Bevor jetzt seitens der Götter in Weiß ein Shitstorm über mich hinein brechen sollte: Ausnahmen gibt es immer, und wie man sieht, natürlich auch in meiner Berufsgruppe. Wir sollten das Wohl der Patienten immer im Sinn haben, und dazu gehört auch eine Zusammenarbeit auf AUGENHÖHE.

    Viele Grüße

    Casado
  2. Martina

    Leider hört das Problem nicht in Apotheken auf.
    Hatte letztes Jahr zum ersten Mal eine größere, seltene Erkrankung. Zum Glück nichts lebensbedrohliches, da meine (ab dem Zeitpunkt abgelöste) Hausärztin völlig überfordert war. Ich wurde ungenügend und falsch beraten und mir wurde eine chronische Krankheit angedichtet, die man eigentlich so schnell gar nicht diagnostizieren kann. Wieder zum Glück bin ich nicht ganz dumm und neugierig, habe auf eigene Faust recherchiert und einen Termin beim Facharzt ausgemacht. Dieser hat sich ein 3. Mal zum Glück als sehr kompetent herausgestellt und ich bin nun in guten Händen.

    Was mich aber sehr erschreckt hat und auch nicht mehr loslässt ist die Tatsache, wie unfassbar viele Leute sich mit der Diagnostik meiner früheren Hausärztin begnügt und darauf verlassen hätten. Die würden jetzt eine völlig falsche dauerhafte Behandlung durchlaufen und im schlimmsten Fall Schäden davon tragen!

    Selbst meine beste Freundin (die absolut nicht dumm ist) war völlig erstaunt und verdutzt, als ich ihr mal erzählt habe, dass ich ein verschriebenes Medikament nicht eingenommen habe weil ich es nach kurzer Recherche als überflüssig empfand. Ganz nach dem Motto: Aber wenn es dir doch dein Arzt verschreibt?!

    Ich will gar nicht wissen wie oft schon diese blinde Vertrauen zusammen mit Arztfehlern (sind am Ende des Tages auch nur Menschen) schwerwiegende Schäden verursacht hat.

    Toller Blog, hoffe dass bald mehr kommt!

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