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Reise zum Mittelpunkt der Behoerde

Wie ich einmal für zwei Stunden in Indien war und ein bisschen abgeschoben wurde

Durch Verschwägerung bin ich quasi-quasi verwandt mit einem Inder: “Quasi” zum ersten, weil Rinku einen deutschen Pass hat und “quasi” zum zweiten, weil er und meine Schwester gar nicht verheiratet sind. Abseits derartiger Formalitäten bringt diese Verbindung jedoch massenhaft Indien in mein Leben – insbesondere, seit Rinku in Hamburg eine Pizzeria eröffnet hat, die zu so etwas wie einem Familienunternehmen geworden ist. Einer unserer Kunden der ersten Stunde – ebenfalls Inder und mittlerweile ein guter Freund – bot mir, als wir uns dort neulich mal begegneten, an, ihn doch auf seiner geplanten Indienreise im Dezember zu begleiten. Da ich noch Urlaub hatte und es schon lange überfällig fand, Indien einmal vor Ort zu erleben, nahm ich die Einladung gerne an und begann mit den Reisevorbereitungen.

Einer von vielen zu erledigen Punkten: die Beantragung eines Visums. Was mir in diesem Zusammnhang wie ein glücklicher Zufall erschien: Indien hat gerade ganz neu “Visa on Arrival” eingeführt, also ein Touristenvisum, das man online beantragt und dann direkt vor Ort in Indien am Flughafen abholt. Ich füllte also den entsprechenden Antrag aus – ein mehrseitiges Online-Formular, das sehr detaillierte Angaben, wie z.B. den Geburtsort (nicht jedoch den Geburtstag) meiner Eltern abfragte. Beim Ausfüllen – daran erinnere ich mich – kam mir etwas dazwischen und als ich den Vorgang zu Ende bringen wollte, war irgendeine Sitzung abgelaufen und ich musste von vorne anfangen. Hierbei muss ich auf das – bis auf einige hastig ausgetauschte Bilder gleich aussehende – Formular für die Beantragung eines normalen Visums gelangt sein: Also einem solchen, das man sich beim nächsgelegenen indischen Konsulat abholt. Nachdem ich das Formular ausgefüllt hatte, erhielt ich ein PDF mit einer Referenznummer und einem Barcode darauf. Ich wunderte mich etwas, weil ich eher eine Bestätigung oder so etwas erwartet hätte, stellte mir das ganze dann aber als eine Art Ausfüllhilfe für ein Einreiseformular vor, das ich notfalls auch am Flughafen noch hätte ausfüllen können. Ich hakte “Visum” auf meiner ToDo-Liste ab und widmete dem Thema im Stress der Reisevorbereitung keinen weiteren Gedanken mehr, der meine Naivität hätte geraderücken können. So weit die Vorgeschichte.

Schliesslich trete ich am vergangenen Freitag voller Vorfreude meinen Flug an und erreiche in einem A380 voller Inder um etwa 2:00h Nachts den Flughafen Neu Delhi. Schnell finde ich dort einen grossen Tresen mit der Aufschrift “Visa on Arrival”. Dahinter: drei indische Beamte in grauen Anzügen, zwei davon mit dem Kopf auf der Tischplatte schlafend. Ich gehe zu dem, der noch wach ist und übergebe ihm das ausgefüllte Visumsformular. Er nimmt es entgegen und tippt gelangweilt etwas davon in seinen Computer ab, während der links von ihm leise schnarcht. Nach einigen Minuten – er blickt mittlerweile etwas genervt auf seinen Computer – schaut er erst eine Weile in die Luft und weckt dann seinen Nachbarn. Sie tippen nun gemeinsam, gucken ratlos und fragen mich schliesslich nach einer zwölfstelligen Nummer, die ich als Bestätigung für meinen Visumsantrag hätte erhalten müssen. Ich verweise auf die Referenzummer, die ich erhalten habe, aber mit der haben sie es wohl die ganze Zeit versucht und der Computer will sie nicht. Wann ich den Antrag ausgefüllt hätte? – “vorletzte Woche” – “hmm”. Schliesslich bittet mich einer von den beiden, mitzukommen und wir gehen gemeinsam in ein Hinterzimmer, wo zwei weitere Beamte sitzen – vermutlich seine Vorgesetzten. Sie beratschlagen kurz und reden dann mehr oder weniger gleichzeitig in gebrochenem Englisch auf mich ein. Ich verstehe “this is the form for a normal Visa!” und beginne zu ahnen, was hier falsch gelaufen ist. “You made a mistake” sagt der, den ich für den ranghöchsten halte, schroff. Ich muss mich nicht bemühen, erschrocken zu gucken, denn das bin ich tatsächlich und antworte irgendetwas unverbindliches. Ob ich denn die 60 Dollar Gebühr für das Visum bezahlt hätte, fragt mich ein anderer. Wahrheitsgemäss antworte ich, dass ich mir nicht sicher bin – ich habe in den letzten Tagen etliche Male Kreditkartendaten irgendwo eingegeben, weiss es wirklich nicht mehr und bin ohnehin schon völlig durch den Wind. Einer der drei interpretiert meine Aussage wohl als den Versuch, die Unterschlagung der Visumsgebühr zu vertuschen und erklärt für die anderen: “HE DID NOT PAY IT!!”. Ich zucke hilflos mit den Schultern. Der der mich hergebracht hat, führt mich wieder zurück zu seinem Tresen und beginnt wortlos, ein Formular auszufüllen.

Während er am schreiben ist, rufe ich Rinku an und erkläre ihm, was passiert ist. Er bittet mich, ihn an den Beamten weiterzureichen. Sie reden eine Weile, dann gibt der Beamte mir mit langsamer Bewegung das Telefon zurück, während er mit der anderen Hand weiter das Formular ausfüllt. Ich nehme das Telefon ans Ohr und kann Rinku, der noch gar nicht weiss, dass er weitergereicht wurde, nicht stoppen. Ohne Punkt und Komma redet er weiter auf Hindi auf mich ein, bzw. auf den Beamten, den er immer noch am anderen Ende der Leitung glaubt. Als ich ihn schliesslich stoppen kann, sagt er mir, er sei sich nicht ganz sicher, was der Beamte ihm sagen wollte – ich solle mir aber mal keine Sorgen machen, die würden mich schon reinlassen. Später erzählt er mir, dass ihm einige Zeit nach dem Gespräch klar geworden ist, dass der Beamte ihn verblümt aufgefordert hat, ihm ein Geldangebot zu machen.

Der Beamte schreibt weiter in sein Formular und fragt mich irgendwann, was für eine Art von Visum ich denn haben möchte. Erleichtert – denn ich glaube, er will mir das nun ausstellen – antworte ich: “Ein Monat Touristenvisum” und folge seiner Aufforderung, mich in den Wartebereich vor dem Tresen zu setzen.

Als ich dort einige Minuten gesessen habe, steht plötzlich steht ein indisch aussehender Herr mittleren Alters in einem eleganten dunkelblauen Anzug vor mir, um den Hals hat er einen Lufthansa-Ausweis. Er hält zwei gedruckte Bordkarten in der Hand, fragt, ob ich “Mr. Stephan” sei, obwohl er das offenbar ohnehin schon weiss und bittet mich, mitzukommen. Ich funktioniere nur noch ferngesteuert und gehe mit. Als ich ihm zu langsam gehe, fordert er mich auf, schneller zu gehen und erwähnt nebenbei (und als ob mir das klar sein müsste), der Flug warte nur noch auf mich. Weil mir schlagartig bewusst wird, dass er mich gerade zu dem Flugzeug bringt, mit dem ich gekommen bin, bleibe ich unwillkürlich stehen und er droht mir, die Security zu rufen. Ich trotte ihm langsam hinterher. Beim Gate angekommen durchquere ich ein Spalier aus mehreren optischen Zwillingen meines Begleiters, betrete das Flugzeug und sofort ploppt hinter mir dumpf die Tür zu. Ich drehe mich um und befinde mich in einer Situation, die ich bislang nur aus Gedankenspielen kenne: Ich bin gegen meinen Willen in einem Flugzeug und will überhaupt nicht mit. Ich werde…

Nein. Was mir passiert, ist mit der grausamen Qualität einer Abschiebung nicht ansatzweise zu vergleichen. Ich muss zurück in meine heimischen Wohlstandsgefilde, in denen mir so etwas wie Verfolgung höchstens durch schlechtes Fernsehen und jugendliche Spendenabo-Werber in Fussgängerzonen droht. Und selbst in Indien, wo ich hinwollte, stehen meiner erneuten Einreise lediglich ein simples Formular im Weg. Dennoch habe ich für einen Moment das Gefühl erfahren, eiskalter Bürokratie ausgeliefert zu sein, die ohne jegliches Entgegenkommen und frei von Pragmatik ausschliesslich um ihr selbst willen funktionert (denn ich falle nicht einmal entfernt in irgendein aus indischer Sicht einwanderungspolitisch berücksichtigenswertes Schema). Für eine gute Stunde und den darauf folgenden Rückflug war ich nicht einmal so etwas wie Akteur, sondern Platzhalter im Räderwerk einer Selektionsmaschine, die nur widerwillig durchlässt, was Eingangs das Formular 13a korrekt ausgefüllt hat. Und ich habe erlebt, wie schnell das unbefangene Urlaubsfeeling, das für mich – wie wohl für die meisten Mitteleuropäer – mit Flugreisen verbunden ist, in beissende Beklemmnis umschlagen kann. All das muss ungewisser Dauerzustand für jemanden sein, über den das Gesetz entschieden hat, dass er/sie nicht in dem Land bleiben darf, in das sie/er möchte und all das kann ich jetzt ein ganz klein wenig nachfühlen.

Bei aller Fassungslosigkeit bin ich, nachdem ich wieder im Flugzeug bin, froh, dass die fahlen Typen am Einwanderungsschalter und die unverbindlich auf Falte gebügelten Gestalten, die wohl indischerseits zur Lufthansa gehörten, weg sind. Stattdessen bin ich von rundum verständnisvollem und weit über die berufliche Freundlichkeit hinaus wohlwollendem Bordpersonal umgeben. Was mich überrascht, denn letztendlich habe ich die Verspätung eines Fluges mit über 500 Passagieren verursacht. Eine Stewardess bringt mich zu meinem Sitzplatz und beruhigt mich, dass ich “absolut nicht der erste” sei, dem das passiert sei. Und kurz darauf kommt ein Flugbegleiter zu mir und bietet mir eine Schlafmaske und eine “extra kuschelige” Decke an. Ich nehme dankend an und verkrieche mich darunter, nachdem ich sowohl von dem Turbanträger rechts neben mir und der eleganten Dame mit der Tilaka auf der Stirn links von mir aufrichtig für meine Situation bemitleidet wurde. Irgendwie gelingt es mir, den Flug halbwegs zu verdösen und mir dann in Frankfurt einen früheren als den geplanten Anschlussflug nach Hamburg zu erlaufen. Hamburg – Delhi und zurück, da bin ich mir schon beim Einsteigen relativ sicher: das hat noch kein regulärer Linienpassagier jemals unter 24 Stunden geschafft. Immerhin.

Zu Hause angekommen fühle ich mich komplett Fehl am Platz. Ich bin in meiner eigenen Stadt, aber ich habe mental und organisatorisch alles darauf eingestellt, zwei Wochen nicht hier zu sein. Ich schlafe eine Runde und wache nach zwei Stunden erstaunlich ausgeruht auf. Das Gefühl, überhaupt nicht hier sein zu wollen, zeigt sich von der Erholung jedoch unbeeindruckt – zum Glück werde ich zumindest wunderbar umsorgt. Abends fahre ich in die Pizzeria, um unter Leuten zu sein und dem Angebot nachzukommen, dem Frust mal zu zeigen, was guter Hamburger Wodka kann. Vor Ort ist Business as usual. Schräg: Die Inder (dort arbeiten mittlerweile zwei) backen in ihrer üblichen geschäftigen Routine Pizza, während der Deutsche in Indien sein sollte. Es tut ihnen so leid um mich, dass ich mich selbst vergleichsweise schon wieder gut fühle: Ich glaube, sie waren fast noch gespannter darauf, dass ich Indien sehe, als ich selbst. Das erstaunlichste aber ist: Auf einmal habe ich Probleme, die sie selber nur allzugut kennen, aber die sie wohl normalerweise nicht erwähnenswert finden, weil sie wissen, dass jemand wie ich sie nicht nachvollziehen kann. Tatsächlich dämmert mir erst jetzt wieder: die erfolgreichen Pizzabäcker von heute, die hier fest verwurzelt sind und die meisten ihrer Kunden mit Handschlag begrüssen, sind hier vor vielen Jahren mal Eingewandert. Einer erzählt erst mal, wie er selbst einmal an der Einreise nach Indien gehindert wurde. Nachdem er seinen deutschen Pass hatte, wäre er ebenfalls fast am Flughafen in Delhi abgeblitzt und der Grund war, wie sich hinterher herausstellte: Er hatte den Geburtsort seiner Grosseltern (!) im Visumsformular wahrheitsgemäss mit “Pakistan” angegeben. Und dann rückt Vicky, ein weiterer indischer Freund des Ladens, im Nebensatz mit etwas heraus, was mein aktuelles Problem schlagartig von elefantös auf die Grösse einer Kardamon-Kapsel schrumpft: Er sass vor 10 Jahren mal mehrere Monate lang im Knast, weil er, während sein Asylantrag lief, mehr als 35km entfernt von seinem Aufenthaltsort erwischt wurde. “Abschiebeknast?” frage ich geschockt. “Ja ja, Knast… also nein”, sagt er – und dann in seinem üblichen, mit etwas Englisch angereicherten Deutsch: “…also schon zusammen mit Criminals”. Ich weiss gar nicht, was ich sagen soll und sage nichts. Er erzählt noch eine aktuelle Geschichte: Als er gerade vor zwei Monaten vom Spanienurlaub nach Hamburg geflogen ist, haben ihn deutsche Beamte am Hamburger Flughafen ohne erkennbaren Grund drei Stunden lang bis auf die nackte Haut auseinandergenommen, währenddessen gelangweilt seine Bankkarten zerstört und ihn schliesslich mit dem Hinweis gehen lassen, dass sie “leider” nichts finden konnten.

Nun halte ich mich selbst für nicht besonders zart besaitet. Aber wenn ich meine aktuelle Gefühlslage zu Grunde lege und versuche, sie von meiner gescheiterten Erlebnisreise auf das hochzurechnen, was die beiden mir gerade erzählt haben, dann bin ich auf dem Erträglichkeitsbarometer jenseits des dunkelroten Bereichs. Mir wird klar: wer es geschafft hat, nach Europa zu kommen und zu bleiben, der muss mehr als robust sein. Was üblicherweise eher nicht damit einhergeht, gerade seine Heimat hinter sich gelassen zu haben. Hier einzuwandern, das kann man sich gar nicht oft genug vor Augen führen, ist nicht das, wo man in der Mittagspause kurz hingeht, sich ärgert, dass man 20 Minuten warten musste und dann gesagt bekommt, dass man sich den neuen Personalausweis am nächsten Freitag abholen kann. Ich frage mich wirklich, wie viele in jeder nur erdenklichen Form bei dem Versuch gescheitert sein müssen, sich der deutschen und europäischen Einwanderungsbürokratie entgegenzuwerfen, um hier bleiben zu können. Ein bedrückender Gedanke, der mich so schnell nicht mehr loslässt.

Nachdem meine nächtliche Stippvisite in Delhi zwei Tage später nur noch mit Mühe anders in Errinerung zu rufen ist, als in der Gestalt eines skurrilen Traums, gehe ich am Montag zum indischen Generalkonsulat. Ich habe noch nicht ganz aufgegeben, kurzfristig noch nach Indien zu kommen und will checken, zu wann ich ein reguläres Visum bekommen könnte. Von “Visa on Arrival” will ich nichts mehr wissen, denn erstens wird mir schlecht, wenn ich das Wort nur höre und ausserdem braucht es vier Tage Vorlauf. An der Tür des Konsulats hängt ein Zettel: Visabeantragung und -Abholung bei “ICGS Indo-German Consultancy Services”. Das ist ein paar Häuser weiter und besteht in einem Raum mit dem Charme einer Zahnarztpraxis, die seit dem Attentat auf Indra Gandhi Anfang der 80er Jahre nicht mehr renoviert wurde. Rechts ein grosser Schreibtisch mit drei Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeitern dahinter, links ein paar Stuhlreihen zum Warten – in der Ecke ein Fotoautomat, unten drunter billiges Laminat. Ich ziehe eine Wartenummer und beobachte das Geschehen. Über den drei Plätzen am Schreibtisch hängen zwei staubige Schilder: “Information” und “Prüfstelle”. Offenbar haben sie aber keine Funktion, denn augenscheinlich tun alle Mitarbeiter das gleiche. Es geht schnell voran, pro Person etwa 2-3 Minuten und es sind immer die gleichen Themen: “Die Fotos müssen nunmal in dem quadratischen Format sein, sonst akzeptiert das Konsulat die Bewerbung nicht”, sagt einer der Mitarbeiter und hält zum Beweis ein dickes Bündel aus Visabewerbungsformularen hoch. An jedem hängen ein Reisepass und zwei der quadratischen Fotos, um die es geht: “Die sehen alle so aus, schauen Sie!”. Am anderen Tisch wird die Sachbearbeiterin deutlich: “WICHTIG ist: Mit Schrägstrichen zu arbeiten. Nicht mit Punkten arbeiten, bei den Datumsangaben!”. Und einer Frau wird beigebracht, dass das deutsche “ß”, von dem sie findet, dass es doch “so ein schöner Buchstabe” sei, in dem Formular nicht zulässig und durch Doppel-s zu ersetzen ist. Ab und zu kommen Mitarbeiter aus dem Konsulat, bringen bearbeitete Formular-Reisepass-Bündel und nehmen neue mit. Pro Tag muss es hier um die Bearbeitung mehrer Hundert Visaanträge gehen. Ich stelle mir das ganze so vor: Das hier ist eine vorgelagerte Abteilung des Konsulats, deren praktisch ausschliesslicher Zweck es ist, halbwegs korrekt ausgefüllte Antragsformulare zu generieren. Und die im Konsulat machen den ganzen Tag nichts anderes, als Touristenvisa in Pässe zu kleben, denn wenn dort nicht – was die Grösse des Gebäudes nicht hergibt – einige Dutzend Konsulatsangestellte im Akkord arbeiten, ist für mehr als Überfliegen, Einkleben und Stempeln überhaupt keine Zeit. Es ist – so scheint mir – eine bürokratische Operation um ihrer selbst willen. Vom Geld mal abgesehen.

Als ich schliesslich dran bin, schildere ich kurz meinen Fall und der Mitarbeiter versteht, dass ich anscheinend schnell nach Indien will. Dann sei ein Expressvisum das richtige, das sei Mittwoch Abend fertig und koste 92€. Ich frage, ob Probleme zu erwarten seien, weil ich ja schon einmal an der indischen Grenze abgewiesen wurde und ein Feld im Antragsformular, das genau danach fragt, wahrheitsgemäss angekreuzt habe. Nein, äh, das sei kein Problem, aber wieso und wann denn “abgewiesen”? Ich erkläre noch einmal, dass ich vor zwei Tagen bereits in Delhi am Flughafen war und direkt wieder in den Flieger nach Hause gesetzt wurde. Er macht grosse Augen: Es gebe jede Menge Probleme mit den “on-Arrival” Visa, aber das sei bislang ein Extremfall, das habe er noch nicht erlebt – er werde mal beim Konsulat anrufen. “Immerhin”, denke ich – vielleicht versucht er ja, meinen Antrag irgendwie zu beschleunigen. Und als er auflegt und väterlich zu mir sagt: “Geht klar!” habe ich sogar für einen kurzen Moment die aufrichtige Hoffnung, dass nun tatsächlich einmal etwas abseits der Spur und zu meinen Gunsten geschieht. Jedoch: er bestätigt mir nur, dass das angekreuzte Feld kein Problem sei, was er mir ja schon gesagt hatte. “Abholung dann am Mittwoch, spätestens Donnerstag – 92€, bitte”.

Ich bezahle, gehe raus und finde für einen Moment, dass mir Indien erst mal gestohlen bleiben kann. Was ich erlebt habe, passt zu dem, was in Rinkus Erzählungen immer mal wieder durchkommt: Indien habe unglaubliches Potenzial, die Menschen dort seien sehr fähig und fleissig und wollten das Land voranbringen, aber die immer noch zutiefst korrupte Verwaltungselite ersticke mit ihrer Teerzähen Bürokratie echten Fortschritt im Ansatz. Und dann wiederum mag ich mir nicht ausmalen, womit es für Inder bürokratisch verbunden ist, mal eben zwei Wochen Urlaub in Deutschland zu machen. Interessehalber gehe ich auf die Webseite des Auswärtigen Amtes, um mir einmal die deutschen Einreise- und Visumsbestimmungen anzusehen. Und nachdem ich kürzlich noch darüber amüsiert war, wie mühsam das fade indische Visumsformular mit Bildchen von Tigern und indischen Sehenswürdigkeiten aufgepeppt war, bringt mich das Bild, das ganz oben auf der schmucklosen deutschen Seite prangt, seit zwei Tagen zum ersten Mal wieder zum Lachen:

Na, dann doch lieber Tiger und Taj Mahal. Ich versuche, es ab jetzt wieder mit Humor zu nehmen, was mir aber so richtig erst gelingt, als ich am heutigen Mittwoch den Reisepass mit dem wahrhaftigen Visum darin abhole. Morgen geht mein Flug – ich will noch einmal versuchen, ins Land des Papiertigers zu gelangen. Denn ich bin mir sicher: das richtige Indien fängt dort an, wo die Bürokratie aufhört.

(Der Vollständigkeit halber: Lufthansa wäre nicht verpflichtet gewesen, vor Flugantritt mein Visum zu prüfen, da eine Fluggesellschaft das bei Reisen in Länder, die Visa on Arrival anbieten, nicht leisten kann. Mein Rückflug, der eigentlich von Mumbai hätte gehen sollen, wurde kulanterweise durch den tatsächlichen Rückflug ersetzt, so dass mir zumindest keine weiteren Kosten für den Spontanflug entstehen. Und ja, ich glaube tatsächlich, dass ich den Passagier-Streckenrekord für Hamburg – Delhi – Hamburg halte. Wer 23 Stunden und 10 Minuten unterbieten kann, der möge sich melden!)

Kommentare

  1. mau

    Die 2 Wochen sind reichlich um, bist du wieder zu Hause?
    Oder lassen sie dich jetzt nicht mehr zurück?
    Krasse Geschichte.
    Letztes Jahr haben wir ein Visum für Kanada beantragt, 1 Schuljahr, 1 Schulkind, Wohlstandsdeutschland nach Wohlstandskanada, ähnlicher Kulturkreis. Ich hab mich vorher selten so unerwünscht, hilflos, rechtlos gefühlt. Wie mags da erst einem Flüchtling gehen, voll Angst, nix Wohlstand zum Abwinken :/

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