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Feuerspinnen aus artgerechter Haltung

Einst hatte ich eine Frage an die DHU, den grössten deutschen Hersteller homöopathischer “Arzneimittel”. Ich setzte die ideologische Tarnkappe auf und fragte drauf los:

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich bin seit Jahren begeisterte NutzerIn Ihrer Produkte. Ebenfalls lebe ich bereits seit vielen Jahren vegan, was bedeutet, dass ich einen Lebensstil führe, der die Ausbeutung von Tieren ausschliesst. Ein Freund hat mich nun darauf aufmerksam gemacht, dass es Homöopathische Substanzen gibt, deren Grundstoffe nicht im Einklang mit Tierrechten gewonnen wurden. Ich möchte Sie daher fragen, in wie weit dies bei Ihren Produkten der Fall ist. Insbesondere interessiert mich, wie Ihr Walfischdreck (Ambra, bzw. Ambra Grisea) und Ihr Stinktiersekret (Mephitis Putorius) gewonnen werden und ob die Badeschwämme (Spongia), sowie die Westindischen Feuerspinnen, die Sie verwenden, aus artgerechter Haltung stammen.

Des weiteren hätte ich eine Grundsätzliche Frage: Die fertigen Homöopathischen Mittel, in denen Tiere oder Teile von Tieren enthalten sind, enthalten diese ja gar nicht wirklich, weil sie so stark verdünnt sind. Sind die fertigen Arzneien daher vegan, bzw. vegetarisch oder nicht?

Vielen Dank für Ihre Antwort!

Stefan S.

Und siehe da, mir wurde geantwortet:

Sehr geehrter Herr S,
vielen Dank für Ihre Anfrage. Wir freuen uns über Ihr Interesse an der Homöopathie und den Arzneimitteln der DHU.

Bei Tieren die aus der Zucht kommen, setzen wir immer eine artgerechte Haltung voraus. Bei Wildfängen oder Wildsammlungen müssen alle gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden. Im Homöopathischen Arzneibuch wird zum Beispiel festgelegt, dass bei der Verarbeitung von Tieren die geltenden Vorschriften zum Tierschutz zu beachten sind.

Zum speziellen Teil:

- Ambra gilt als natürliches Ausscheidungsprodukt, es kann nicht “gewonnen” werden. In der Regel wird es am Strand angespült und dort von einem glücklichen Finder gefunden.
- Mephitis beziehen wird aus den USA von Trappern. Die Stinktiere werden geschossen oder in Fallen getötet. Auch hier müssen alle Vorgaben bzgl. Jagdsaison oder Tötungsart eingehalten werden.
- Spongia: beziehen wir in der Regel aus Wildfängen im Mittelmeer (Adria, Ägäis), die Schwämme werden üblicherweise als Badeschwämme verkauft.
- Theridion curassavicum bekommen wir von einem Spinnenzüchter in Deutschland. Die Haltung ist artgerecht.

Rein stofflich betrachtet sind Homöopathische Arzneimittel in Potenzen ab der D23 als Dilutionen und Globuli vegan, als Tabletten vegetarisch. Allerdings gilt zu bedenken, dass tierische Produkte für die Herstellung verwendet werden. Es bleibt also eine Gewissensentscheidung.

Freundliche Grüße

Birgit S.
bq. Med.Wiss.Service

Rassismus bei 90°C

Ich bin Saunafan durch und durch und gäbe noch keine Saunen, so erfände ich sie. Schwitzen, rumhängen, repeat: Ich könnte das täglich tun, ohne dass mir langweilig wird. Dafür braucht es auch keine Aufgüsse wie einen namens “Fight Night”, dem ich einst beiwohnte und in dem sich zwei Bademeister mit Boxhandschuhen zu “Eye of the Tiger” einen Showkampf lieferten. Was jedoch am gestrigen Sonntag in meiner Stammsauna im Festland-Bad geschah, gab dem Begriff “Erlebnisaufguss” eine ganz neue Bedeutung – leider der unschönen Art.

Erster Aufguss: Grapefruit-Limette

Zwanzig-Uhr-Aufguss. Ich schwitze fröhlich vor mich hin, als plötzlich jemand laut ruft: “WAS STEHT DA AUF DEM SCHILD!?!?”. Ich blicke zur Tür. Ein junger Schwarzer hat offenbar das Schild “Aufguss – nicht eintreten” an der Tür ignoriert (oder nicht lesen können), sucht etwas unsicher nach einem freien Platz und hätte auch problemlos einen gefunden. Wie ich ebenfalls sehe, weil dieser nun aufspringt, ist der Rufende einer der Festland-Bademeister (ich sage ab jetzt “Bademeister”, auch wenn das vermutlich nicht die korrekte Berufsbezeichnung ist). Ein bulliger Kasache im Türsteher-Format, den ich – wie eigentlich alle Mitarbeiter des Festlands – vom Sehen her kenne. Ohne weitere Vorwarnung dreht er dem Zuspätkommer den Arm hinter den Rücken und schiebt ihn rüde nach draussen. Ein anderer Gast erzählt mir später, dass er ihn dort wohl – was ich von meiner Position aus nicht sehen kann – weiter verbal und körperlich angeht.

Nach einiger Zeit, kehrt der Bademeister allein zurück in die Sauna. Die beiden, die den Aufguss machen, fahren fort, als sei nichts gewesen – auch, als einige Saunende sich über die Szene beschweren. Ich sortiere meine Gedanken und rücke mir schon mal die ersten Formulierungen für einen bissigen Beschwerdebrief ans Bäderland zurecht. Was ich trotz Naheliegendheit zunächst ignoriere, ist die Vermutung, dass Rassismus hier eine Rolle gespielt hat: Skeptiker, der ich bin, weiss ich zu gut, wie sehr der Zufall bei Einzelbeobachtungen täuschen kann. Eher vermute – oder sogar hoffe ich, dass die Situation eine Vorgeschichte hat und dadurch zumindest verständlicher wird. Daher stehe ich ebenfalls auf, als der Bademeister die Sauna vor Ende des Aufgusses als Erster verlässt und gehe ihm hinterher.

Ich kann ihm kaum folgen, so eilig hat er es. Ich sehe ihn gerade noch hinter der Wand mit den Klamottenfächern verschwinden und dann, wie er mit seiner Tasche, die er wohl hastig zusammengepackt hatte, die Umkleiden betritt. Ich gehe hinterher und finde ihn in der Dusche. “Du bist hier Bademeister, oder?” frage ich ihn. “Ich… bin einfach so hier”, entgegnet er etwas perplex. Was ich da gerade gesehen habe, will ich wissen. Er wirkt sichtlich angefasst. “Die Saunaregeln… Aufguss… Schild” stammelt er. “Ja, und?” sage ich. “Es kommt ständig vor, dass Leute beim Aufguss reinkommen und die kriegen schlimmstenfalls nen Blöden Spruch und ein Augenzwinkern. Also was bitteschön rechtfertigt es, jemanden ohne Vorwarnung mit körperlicher Gewalt aus der Sauna zu werfen?” Er stammelt weiter Unverständliches und auf einmal kann er doch klar reden: “Deutschland… das hier ist Deutschland, nicht Sudan oder Afrika. Hier gelten Regeln…”. Ich drehe ihm den Rücken zu. “Alles klar”, sagte ich laut und gehe weg. “Das war definitiv nicht das, was ich hören wollte, aber dann war es wohl wirklich Rassismus”.

In einer merkwürdigen Mischung aus innerer Aufgewühltheit und saunabedingter Entspannung schlendere ich ein wenig hin und her und bin gerade dabei, der Entspannung wieder Vorrang zu geben, als der Bademeister – nun angezogen – mit Stift und Zettel in der Hand und wütendem Blick direkt an mir vorbeisaust, wieder zurücksaust, noch mal vorbeisaust und mich schliesslich erkennt. Er kommt auf mich zu. Meinen Namen wolle er haben, ich solle ihn aufschreiben. “Wozu?” frage ich. Andere Saunagäste kommen dazu und beginnen, mit ihm zu diskutieren. Sie wollen von ihm wissen, was auch ich ihn gefragt hatte: Was die Aktion eben sollte.

Der angeblich reguläre Saunagast, steht da nun in Kleidung (was die Saunaordnung verbietet), offenbar angetrunken (was die Saunaordnung verbietet) und ohne das rote Eintrittsbändchen um den Arm (das für Normalbürger den Eintritt den Geltungsbereich der Saunaordnung erst ermöglicht). Und er rechtfertigt weiterhin und lautstark (was ebenfalls die Saunaordnung verbietet) einen tätlichen Übergriff mit… der Saunaordnung. Als er merkt, dass das nicht gut ankommt, wendet er sich wieder mir zu und wird noch lauter. “Ich will jetzt deinen Namen, du kommst mit und gibst ihn mir”. Ich frage wieder: “Wozu?”. Er packt mich am Handgelenk und versucht, mich wegzuziehen. Für mich erfreulich: er bekommt lautstarken Protest der Umstehenden und lässt mich wieder los. Tatsächlich sind fast alle der Gäste auf meiner Seite, was im weiteren Verlauf auch so bleibt. Lediglich einer ätzt irgendwann in meine Richtung, man könne es “mit dem Gutmenschentum auch übertreiben” und bestätigt, als noch einmal der Satz “Das hier ist Deutschland…” zur Sprache kommt: “stimmt doch”.

Schliesslich kommen zwei weitere Mitarbeiter in Bäderland-Hemden dazu. Einer führt den inzwischen extrem aufgebrachten Bademeister weg, der andere – der diensthabende Schichtleiter, wie sich herausstellt – beginnt, mit den herumstehenden Gästen zu reden. Ich höre zu und merke, dass ausser mir niemand weiss, dass es sich bei dem Agressor um einen Mitarbeiter des Festlands und nicht nur um einen regulären Gast handelt. Ich werfe ein: “Der ist doch hier Mitarbeiter. Ich kenne ihn vom Sehen”. “Der ist ganz normaler Gast hier”, meint der Schichtleiter. So geht es ein wenig hin und her und erst, als noch jemand einwendet, dass er ihn hier als Mitarbeiter kennt, gibt der Schichtleiter seine verlorene Position auf und wechselt schnell das Thema.

Zweiter Aufguss: Fichtennadel

Als die Szene sich langsam auflöst, komme ich etwas abseits mit einem anderen Saunagast ins Gespräch. Wir unterhalten uns sehr nett und er findet, womit er total recht hat, dass das Festland mal über englischsprachige Beschilderung nachdenken sollte. “Schon aus Höflichkeit” meint er – und während wir uns vorstellen und uns die Hand geben, fällt mir belustigt auf, dass wir beide splitternackt sind. Ausserdem kolportiert er eine zwar radikale, aber nicht ganz unpassende Theorie seiner schwedischen Ex-Freundin über die Deutschen: Die seien fanatische Regelwerker, wollten immer allen ihre Gesetze aufzwängen und seien in dieser Eigenschaft irgendwie latent faschistoid. Schliesslich beschliessen wir, dass dieser Tag noch einen letzten Aufguss verdient hat und gehen zusammen Fichtennadel schnuppern.

Als ich mich nach dem Aufguss draussen abkühle, saust auf einmal wieder der Schichtleiter an mir vorbei mit einem Telefon am Ohr. Irgendetwas sagt mir, dass er mich sucht und noch bevor ich mich fragen kann, ob mein Manufactum-Bademantel aus Waffelpique nicht nur saugemütlich ist, sondern vielleicht auch Stealth-Eigenschaften hat, kommt er zurück und erkennt mich. Ich spreche ihn an und sage ihm geradeheraus, dass ich sein Verhalten unangemessen fand. Zum einen, weil seine “Lösung” der Angelegenheit lediglich war, den Vorfall “auf der nächsten Teamsitzung auf jeden Fall zur Sprache” zu bringen. Und zum anderen wegen seines Versuchs, abzustreiten, dass der aggressive Bademeister Mitarbeiter des Festlands sei. Offenbar habe ich damit einen wunden Punkt getroffen. “Habe ich jemals ‘Nein’ gesagt auf die Frage, ob er hier arbeite?” fragt er. “Ja”, sage ich. “NEIN, das habe ich nicht!” – ich gebe etwas verwirrt auf und später fällt mir ein, woran mich diese Art der Verteidigung erinnert (ich fürchte, man muss den Film dafür gesehen haben):

Und dann passiert auf einmal etwas unerwartetes: “Ich muss Ihnen auch noch was sagen, wo wir hier schon so offen sprechen”, meint er. Und er eröffnet mir – schon fast feierlich – dass der “der Gast” Anzeige gegen mich erstatten werde, weil ich ihm Rassismus vorgeworfen hätte. Ich solle mich bereit halten, unten am Ausgang warte die Polizei.

Während ich mich umziehe, kann ich mich nicht erinnern, ob Kurt Felix noch lebt (tut er nicht). Ich gehe die Treppe runter und im Eingangsbereich stehen tatsächlich zwei Polizistinnen – vom Bademeister ist nichts zu sehen. Ich sage Hallo, die beiden sind ganz nett. Ob ich erklären soll, was vorgefallen ist, frage ich. “Ja, bitte!” – ich lege los. Als ich fast fertig bin, kommt der Bademeister hereingestürmt. Die Polizistinnen drängen ihn zur Seite und haben Schwierigkeiten, ihn zu beruhigen. Ob er getrunken habe, fragen sie ihn. “JA KLAR”, lallt er. “DER DA” – er zeigt auf mich – “DER ist Schuld an allem”. Die Polizistinnen fragen ihn, was denn nun genau das Problem sei. “DER DA ist Schuld – ich will Anzeige machen!!”.

Ein weiterer bulliger Typ, offenbar ein Kumpel vom Bademeister, kommt herein, stellt sich etwas abseits mit verschränkten Armen hin und guckt mich grimmig an. Über die Schulter der Polizistin hinweg, die noch vor ihm steht, zeigt der Bademeister wieder auf mich: “Ich kenne dich!!” ruft er “du bist immer Montags und Mittwochs hier wegen Triathlon”. Ob das jetzt als Drohung zu verstehen war, frage ich die Polizistin, die neben mir steht. Sie zuckt mit den Schultern. Die andere Polizistin will nun vom Bademeister wissen, warum er Anzeige erstatten will, aber bekommt nichts brauchbares aus ihm heraus. Schliesslich hilft der Schichtleiter: “Wegen Rassismus. Er hat dir doch Rassismus vorgeworfen”. “RASSIIIISMUS, das ist es!” freut sich der Bademeister. “Ich mache Anzeige, wegen Rassismus”. “Und Sie haben sich dadurch beleidigt gefühlt”? fragt die Polizistin – “genau!”. Die Polizistin erklärt ihm, dass es sich bei Beleidigung um ein Antragsdelikt handelt und dass er nun hier unterschreiben muss, wenn er die Anzeige wirklich aufgeben will. Ich frage die andere Polizistin, ob ich nun gleich “Spass” mit den beiden Typen haben werde, was diese sofort versteht und mit Nachdruck verneint. “Wir begleiten Sie raus”, sagt sie zu meiner aufrichtigen Beruhigung und das tun die beiden dann auch. Während ich mein Rad aufschliesse, deuten sie mir die geschätzten Erfolgsaussichten der Anzeige an (die geneigte Leserin mag Eins und Eins zusammensubtrahieren) und ich radle hintenrum davon.

Fertig geschwitzt

Ich weiss inzwischen nicht mehr wirklich, was ich an der Geschichte am schlimmsten finde. Ob es sich tatsächlich um einen rassistischen Übergriff gehandelt hat, muss der Interpretation überlassen bleiben – die Möglichkeit steht aber leider im Raum. Die Anzeige gegen mich erzeugt bei mir ungefähr das hier:

Und auch wenn das komisch klingt: der Bademeister selbst erscheint mir inzwischen fast schon als tragische Figur. Jemand, der vor versammeltem Publikum seine Aggressionen nicht kontrollieren kann und sich dann mit deutschen Regeln rechtfertigt, jedoch vergisst, dass über der Festland-Saunaordnung immer noch das Strafgesetzbuch steht – und der, als diese “Verteidigung” nicht zieht, zur Flasche greift und wirre Strafanzeigen stellt: So jemand hat grössere Probleme, als nur eventuellen Rassismus im Kopf.

Schlimmer finde ich die offensive Gleichgültigkeit, mit der die restlichen Festland-Mitarbeiter die Angelegenheit erst zu überspielen und dann aus der Welt zu schaffen versuchten. Angefangen mit den beiden am Aufguss, die den Vorfall unbekümmert hinnahmen und, als unter den Gästen Beschwerden laut wurden, an das Gebot der Ruhe mahnten. Oder die anderen Mitarbeiter, die erstaunlich schnell und unisono das Narrativ parat hatten, das ständige nachträgliche Eintreten von Leuten beim Aufguss hätte ja dazu führen müssen, dass mal einem von ihnen der Kragen platzt.

Am schlimmsten aber sind die erbärmlichen und hilflosen Versuche des Schichtleiters, die Sitation auszutreten wie einen Zigarettenstummel, der einfach nicht aufhört, zu glimmen. Zunächst, indem er vor mehreren versammelten Personen die Zugehörigkeit des Bademeisters zum Bäderland unter den Tisch zu kehren versuchte. Dann, indem er in einem Anflug von Aktionismus den Herausgeworfenen zu finden versuchte, um “dessen Version” der Geschichte zu erfahren – was zu dem Zeitpunkt praktisch egal war. “Ich höre mir in sochen Fällen immer beide Seiten der Geschichte an” lockt wirklich nur die Einfachsten auf die Fährte des vermeintlichen Common Sense und ist angesichts eines Bademeisters (ob im Dienst oder nicht), der gerade vor 30-40 nackten Zeugen einseitig gewalttätig geworden ist, bestenfalls hilflos und naiv. Am schwersten aber wiegt das völlige Ausbleiben eines Versuchs, den offen im Raum stehenden Rassismusverdacht gegen einen seiner Mitarbeiter zumindest allgemein zu entkräften. Es hätte nicht viel gebraucht, zu sagen: “Wir wissen noch nicht, was genau passiert ist, aber klar ist, dass wir Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt in unserem Bad nicht dulden!”. Nichts dergleichen ist passiert.

All das ist zusammengenommen sehr, sehr schwach und kein gutes Zeichen für ein Bad, in dem ich mich wohlfühlen will. Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie die Geschichte aus der Sicht des Betroffenen ausgesehen haben könnte: Er traut sich zum ersten Mal in die Sauna. Er will, was alle dort wollen – ich zumindest: ein paar Stunden Entspannung, Ruhe, Wochenendausklang. Er kennt die Gepflogenheiten des im Detail nicht leicht zu durchblickenden Ökosystems Sauna nicht und kann vielleicht auch einfach das Schild nicht lesen. Also geht er dort hin, wo alle gerade sind. Und wird, anstatt mit Duftöl-Dampf bewedelt zu werden, angeschrien und im Polizeigriff abgeführt. Für eine so ähnliche Version spricht sogar einiges. Einmal, dass mir ein anderer Bäderland-Mitarbeiter hinterher bestätigt: Nein, es gab keine Vorgeschichte zu dem Vorfall, der Rausgeworfene war nicht bekannt. Dann, dass dieser offenbar vorher noch nicht im Saunabereich gewesen war (niemand konnte sich erinnern, ihn vor dem Vorfall gesehen zu haben). Und auch, dass er wohl unmittelbar danach gegangen ist und im gesamten Bad nicht mehr auffindbar war.

Wie gesagt ist dieser Version der Geschichte nur konstruiert. Schlimm genug ist aber, dass sie richtig sein könnte. Allein hierfür schäme ich mich und sollte sich auch das Bäderland schämen. Und ja, verdammt, es stimmt: Das hier ist Deutschland, nicht Afrika. Das hier ist Hamburg, St. Pauli [Nachtrag: Technisch ist es Altona]. Und Rassismus und Ausgrenzung sind nicht nur hier zum kotzen, sondern überall.

Nachtrag

Ich habe am Tag nach dem Vorfall noch einmal mit dem Schichtleiter telefoniert und habe deutlich gemacht, dass ich eine Geste des guten Willens und ein allgemeines Signal gegen Fremdenfeindlichkeit von Seiten des Festland Bads mehr als angemessen fände. Ich habe – nach Absprache mit dem Flüchtlingsrat Hamburg – vorgeschlagen, dass das Festland einige Eintrittskarten für Flüchtlinge stiftet. Meine Bitte, dass sich die Badleiterin diesbezüglich bei mir zurückmeldet, wurde ignoriert.

Nachdem ich die Geschichte den anderen Schwimmtrainern meiner Triathlonabteilung, die neben mir im Festland tätig sind, geschrieben habe, damit sie Bescheid wissen, ist direkt eine ähnlich beschissene Geschichte zurück gekommen. Eine von ihnen hat gerade erst kürzlich erlebt, wie ein Bademeister (wohl ein anderer) dort ein schwules Pärchen, das einfach nur nebeneinander im Pool sass, zurechtgewiesen hat – offenbar einfach wegen Schwulheit.

Zweiter Nachtrag

Die Geschichte hat nun doch noch was Gutes. Ich hatte soeben ein längeres Telefonat mit jemandem aus der Bäderland-Geschäftsführung, die Sache wird dort sehr ernst genommen und soll geklärt werden. Um das zu unterstreichen, wird Bäderland drei volle Multicards (im Gegenwert von je etwa 20 Badeintritten) an drei Hamburger Flüchtlingsorganisationen spenden, die wir gemeinsam auswählen werden. Bezüglich der englischsprachigen Beschilderung im Festland bestand ebenfalls Einigkeit: Hätte man längst mal machen können (natürlich nicht nur im Festland). An dem Vorfall und dem, was er für den Betroffenen bedeutet, ändert das natürlich nichts, aber dennoch: 1a Geste, Bäderland.

Dritter Nachtrag

Ein Schreiben von der Staatsanwaltschaft:

In dem gegen Sie eingeleiteten Ermittlungsverfahren wird Ihnen mitgeteilt, dass die öffentliche Klage mangels öffentlichen Interesses nicht erhoben wird.

Reise zum Mittelpunkt der Behoerde

Wie ich einmal für zwei Stunden in Indien war und ein bisschen abgeschoben wurde

Durch Verschwägerung bin ich quasi-quasi verwandt mit einem Inder: “Quasi” zum ersten, weil Rinku einen deutschen Pass hat und “quasi” zum zweiten, weil er und meine Schwester gar nicht verheiratet sind. Abseits derartiger Formalitäten bringt diese Verbindung jedoch massenhaft Indien in mein Leben – insbesondere, seit Rinku in Hamburg eine Pizzeria eröffnet hat, die zu so etwas wie einem Familienunternehmen geworden ist. Einer unserer Kunden der ersten Stunde – ebenfalls Inder und mittlerweile ein guter Freund – bot mir, als wir uns dort neulich mal begegneten, an, ihn doch auf seiner geplanten Indienreise im Dezember zu begleiten. Da ich noch Urlaub hatte und es schon lange überfällig fand, Indien einmal vor Ort zu erleben, nahm ich die Einladung gerne an und begann mit den Reisevorbereitungen.

Einer von vielen zu erledigen Punkten: die Beantragung eines Visums. Was mir in diesem Zusammnhang wie ein glücklicher Zufall erschien: Indien hat gerade ganz neu “Visa on Arrival” eingeführt, also ein Touristenvisum, das man online beantragt und dann direkt vor Ort in Indien am Flughafen abholt. Ich füllte also den entsprechenden Antrag aus – ein mehrseitiges Online-Formular, das sehr detaillierte Angaben, wie z.B. den Geburtsort (nicht jedoch den Geburtstag) meiner Eltern abfragte. Beim Ausfüllen – daran erinnere ich mich – kam mir etwas dazwischen und als ich den Vorgang zu Ende bringen wollte, war irgendeine Sitzung abgelaufen und ich musste von vorne anfangen. Hierbei muss ich auf das – bis auf einige hastig ausgetauschte Bilder gleich aussehende – Formular für die Beantragung eines normalen Visums gelangt sein: Also einem solchen, das man sich beim nächsgelegenen indischen Konsulat abholt. Nachdem ich das Formular ausgefüllt hatte, erhielt ich ein PDF mit einer Referenznummer und einem Barcode darauf. Ich wunderte mich etwas, weil ich eher eine Bestätigung oder so etwas erwartet hätte, stellte mir das ganze dann aber als eine Art Ausfüllhilfe für ein Einreiseformular vor, das ich notfalls auch am Flughafen noch hätte ausfüllen können. Ich hakte “Visum” auf meiner ToDo-Liste ab und widmete dem Thema im Stress der Reisevorbereitung keinen weiteren Gedanken mehr, der meine Naivität hätte geraderücken können. So weit die Vorgeschichte.

Schliesslich trete ich am vergangenen Freitag voller Vorfreude meinen Flug an und erreiche in einem A380 voller Inder um etwa 2:00h Nachts den Flughafen Neu Delhi. Schnell finde ich dort einen grossen Tresen mit der Aufschrift “Visa on Arrival”. Dahinter: drei indische Beamte in grauen Anzügen, zwei davon mit dem Kopf auf der Tischplatte schlafend. Ich gehe zu dem, der noch wach ist und übergebe ihm das ausgefüllte Visumsformular. Er nimmt es entgegen und tippt gelangweilt etwas davon in seinen Computer ab, während der links von ihm leise schnarcht. Nach einigen Minuten – er blickt mittlerweile etwas genervt auf seinen Computer – schaut er erst eine Weile in die Luft und weckt dann seinen Nachbarn. Sie tippen nun gemeinsam, gucken ratlos und fragen mich schliesslich nach einer zwölfstelligen Nummer, die ich als Bestätigung für meinen Visumsantrag hätte erhalten müssen. Ich verweise auf die Referenzummer, die ich erhalten habe, aber mit der haben sie es wohl die ganze Zeit versucht und der Computer will sie nicht. Wann ich den Antrag ausgefüllt hätte? – “vorletzte Woche” – “hmm”. Schliesslich bittet mich einer von den beiden, mitzukommen und wir gehen gemeinsam in ein Hinterzimmer, wo zwei weitere Beamte sitzen – vermutlich seine Vorgesetzten. Sie beratschlagen kurz und reden dann mehr oder weniger gleichzeitig in gebrochenem Englisch auf mich ein. Ich verstehe “this is the form for a normal Visa!” und beginne zu ahnen, was hier falsch gelaufen ist. “You made a mistake” sagt der, den ich für den ranghöchsten halte, schroff. Ich muss mich nicht bemühen, erschrocken zu gucken, denn das bin ich tatsächlich und antworte irgendetwas unverbindliches. Ob ich denn die 60 Dollar Gebühr für das Visum bezahlt hätte, fragt mich ein anderer. Wahrheitsgemäss antworte ich, dass ich mir nicht sicher bin – ich habe in den letzten Tagen etliche Male Kreditkartendaten irgendwo eingegeben, weiss es wirklich nicht mehr und bin ohnehin schon völlig durch den Wind. Einer der drei interpretiert meine Aussage wohl als den Versuch, die Unterschlagung der Visumsgebühr zu vertuschen und erklärt für die anderen: “HE DID NOT PAY IT!!”. Ich zucke hilflos mit den Schultern. Der der mich hergebracht hat, führt mich wieder zurück zu seinem Tresen und beginnt wortlos, ein Formular auszufüllen.

Während er am schreiben ist, rufe ich Rinku an und erkläre ihm, was passiert ist. Er bittet mich, ihn an den Beamten weiterzureichen. Sie reden eine Weile, dann gibt der Beamte mir mit langsamer Bewegung das Telefon zurück, während er mit der anderen Hand weiter das Formular ausfüllt. Ich nehme das Telefon ans Ohr und kann Rinku, der noch gar nicht weiss, dass er weitergereicht wurde, nicht stoppen. Ohne Punkt und Komma redet er weiter auf Hindi auf mich ein, bzw. auf den Beamten, den er immer noch am anderen Ende der Leitung glaubt. Als ich ihn schliesslich stoppen kann, sagt er mir, er sei sich nicht ganz sicher, was der Beamte ihm sagen wollte – ich solle mir aber mal keine Sorgen machen, die würden mich schon reinlassen. Später erzählt er mir, dass ihm einige Zeit nach dem Gespräch klar geworden ist, dass der Beamte ihn verblümt aufgefordert hat, ihm ein Geldangebot zu machen.

Der Beamte schreibt weiter in sein Formular und fragt mich irgendwann, was für eine Art von Visum ich denn haben möchte. Erleichtert – denn ich glaube, er will mir das nun ausstellen – antworte ich: “Ein Monat Touristenvisum” und folge seiner Aufforderung, mich in den Wartebereich vor dem Tresen zu setzen.

Als ich dort einige Minuten gesessen habe, steht plötzlich steht ein indisch aussehender Herr mittleren Alters in einem eleganten dunkelblauen Anzug vor mir, um den Hals hat er einen Lufthansa-Ausweis. Er hält zwei gedruckte Bordkarten in der Hand, fragt, ob ich “Mr. Stephan” sei, obwohl er das offenbar ohnehin schon weiss und bittet mich, mitzukommen. Ich funktioniere nur noch ferngesteuert und gehe mit. Als ich ihm zu langsam gehe, fordert er mich auf, schneller zu gehen und erwähnt nebenbei (und als ob mir das klar sein müsste), der Flug warte nur noch auf mich. Weil mir schlagartig bewusst wird, dass er mich gerade zu dem Flugzeug bringt, mit dem ich gekommen bin, bleibe ich unwillkürlich stehen und er droht mir, die Security zu rufen. Ich trotte ihm langsam hinterher. Beim Gate angekommen durchquere ich ein Spalier aus mehreren optischen Zwillingen meines Begleiters, betrete das Flugzeug und sofort ploppt hinter mir dumpf die Tür zu. Ich drehe mich um und befinde mich in einer Situation, die ich bislang nur aus Gedankenspielen kenne: Ich bin gegen meinen Willen in einem Flugzeug und will überhaupt nicht mit. Ich werde…

Nein. Was mir passiert, ist mit der grausamen Qualität einer Abschiebung nicht ansatzweise zu vergleichen. Ich muss zurück in meine heimischen Wohlstandsgefilde, in denen mir so etwas wie Verfolgung höchstens durch schlechtes Fernsehen und jugendliche Spendenabo-Werber in Fussgängerzonen droht. Und selbst in Indien, wo ich hinwollte, stehen meiner erneuten Einreise lediglich ein simples Formular im Weg. Dennoch habe ich für einen Moment das Gefühl erfahren, eiskalter Bürokratie ausgeliefert zu sein, die ohne jegliches Entgegenkommen und frei von Pragmatik ausschliesslich um ihr selbst willen funktionert (denn ich falle nicht einmal entfernt in irgendein aus indischer Sicht einwanderungspolitisch berücksichtigenswertes Schema). Für eine gute Stunde und den darauf folgenden Rückflug war ich nicht einmal so etwas wie Akteur, sondern Platzhalter im Räderwerk einer Selektionsmaschine, die nur widerwillig durchlässt, was Eingangs das Formular 13a korrekt ausgefüllt hat. Und ich habe erlebt, wie schnell das unbefangene Urlaubsfeeling, das für mich – wie wohl für die meisten Mitteleuropäer – mit Flugreisen verbunden ist, in beissende Beklemmnis umschlagen kann. All das muss ungewisser Dauerzustand für jemanden sein, über den das Gesetz entschieden hat, dass er/sie nicht in dem Land bleiben darf, in das sie/er möchte und all das kann ich jetzt ein ganz klein wenig nachfühlen.

Bei aller Fassungslosigkeit bin ich, nachdem ich wieder im Flugzeug bin, froh, dass die fahlen Typen am Einwanderungsschalter und die unverbindlich auf Falte gebügelten Gestalten, die wohl indischerseits zur Lufthansa gehörten, weg sind. Stattdessen bin ich von rundum verständnisvollem und weit über die berufliche Freundlichkeit hinaus wohlwollendem Bordpersonal umgeben. Was mich überrascht, denn letztendlich habe ich die Verspätung eines Fluges mit über 500 Passagieren verursacht. Eine Stewardess bringt mich zu meinem Sitzplatz und beruhigt mich, dass ich “absolut nicht der erste” sei, dem das passiert sei. Und kurz darauf kommt ein Flugbegleiter zu mir und bietet mir eine Schlafmaske und eine “extra kuschelige” Decke an. Ich nehme dankend an und verkrieche mich darunter, nachdem ich sowohl von dem Turbanträger rechts neben mir und der eleganten Dame mit der Tilaka auf der Stirn links von mir aufrichtig für meine Situation bemitleidet wurde. Irgendwie gelingt es mir, den Flug halbwegs zu verdösen und mir dann in Frankfurt einen früheren als den geplanten Anschlussflug nach Hamburg zu erlaufen. Hamburg – Delhi und zurück, da bin ich mir schon beim Einsteigen relativ sicher: das hat noch kein regulärer Linienpassagier jemals unter 24 Stunden geschafft. Immerhin.

Zu Hause angekommen fühle ich mich komplett Fehl am Platz. Ich bin in meiner eigenen Stadt, aber ich habe mental und organisatorisch alles darauf eingestellt, zwei Wochen nicht hier zu sein. Ich schlafe eine Runde und wache nach zwei Stunden erstaunlich ausgeruht auf. Das Gefühl, überhaupt nicht hier sein zu wollen, zeigt sich von der Erholung jedoch unbeeindruckt – zum Glück werde ich zumindest wunderbar umsorgt. Abends fahre ich in die Pizzeria, um unter Leuten zu sein und dem Angebot nachzukommen, dem Frust mal zu zeigen, was guter Hamburger Wodka kann. Vor Ort ist Business as usual. Schräg: Die Inder (dort arbeiten mittlerweile zwei) backen in ihrer üblichen geschäftigen Routine Pizza, während der Deutsche in Indien sein sollte. Es tut ihnen so leid um mich, dass ich mich selbst vergleichsweise schon wieder gut fühle: Ich glaube, sie waren fast noch gespannter darauf, dass ich Indien sehe, als ich selbst. Das erstaunlichste aber ist: Auf einmal habe ich Probleme, die sie selber nur allzugut kennen, aber die sie wohl normalerweise nicht erwähnenswert finden, weil sie wissen, dass jemand wie ich sie nicht nachvollziehen kann. Tatsächlich dämmert mir erst jetzt wieder: die erfolgreichen Pizzabäcker von heute, die hier fest verwurzelt sind und die meisten ihrer Kunden mit Handschlag begrüssen, sind hier vor vielen Jahren mal Eingewandert. Einer erzählt erst mal, wie er selbst einmal an der Einreise nach Indien gehindert wurde. Nachdem er seinen deutschen Pass hatte, wäre er ebenfalls fast am Flughafen in Delhi abgeblitzt und der Grund war, wie sich hinterher herausstellte: Er hatte den Geburtsort seiner Grosseltern (!) im Visumsformular wahrheitsgemäss mit “Pakistan” angegeben. Und dann rückt Vicky, ein weiterer indischer Freund des Ladens, im Nebensatz mit etwas heraus, was mein aktuelles Problem schlagartig von elefantös auf die Grösse einer Kardamon-Kapsel schrumpft: Er sass vor 10 Jahren mal mehrere Monate lang im Knast, weil er, während sein Asylantrag lief, mehr als 35km entfernt von seinem Aufenthaltsort erwischt wurde. “Abschiebeknast?” frage ich geschockt. “Ja ja, Knast… also nein”, sagt er – und dann in seinem üblichen, mit etwas Englisch angereicherten Deutsch: “…also schon zusammen mit Criminals”. Ich weiss gar nicht, was ich sagen soll und sage nichts. Er erzählt noch eine aktuelle Geschichte: Als er gerade vor zwei Monaten vom Spanienurlaub nach Hamburg geflogen ist, haben ihn deutsche Beamte am Hamburger Flughafen ohne erkennbaren Grund drei Stunden lang bis auf die nackte Haut auseinandergenommen, währenddessen gelangweilt seine Bankkarten zerstört und ihn schliesslich mit dem Hinweis gehen lassen, dass sie “leider” nichts finden konnten.

Nun halte ich mich selbst für nicht besonders zart besaitet. Aber wenn ich meine aktuelle Gefühlslage zu Grunde lege und versuche, sie von meiner gescheiterten Erlebnisreise auf das hochzurechnen, was die beiden mir gerade erzählt haben, dann bin ich auf dem Erträglichkeitsbarometer jenseits des dunkelroten Bereichs. Mir wird klar: wer es geschafft hat, nach Europa zu kommen und zu bleiben, der muss mehr als robust sein. Was üblicherweise eher nicht damit einhergeht, gerade seine Heimat hinter sich gelassen zu haben. Hier einzuwandern, das kann man sich gar nicht oft genug vor Augen führen, ist nicht das, wo man in der Mittagspause kurz hingeht, sich ärgert, dass man 20 Minuten warten musste und dann gesagt bekommt, dass man sich den neuen Personalausweis am nächsten Freitag abholen kann. Ich frage mich wirklich, wie viele in jeder nur erdenklichen Form bei dem Versuch gescheitert sein müssen, sich der deutschen und europäischen Einwanderungsbürokratie entgegenzuwerfen, um hier bleiben zu können. Ein bedrückender Gedanke, der mich so schnell nicht mehr loslässt.

Nachdem meine nächtliche Stippvisite in Delhi zwei Tage später nur noch mit Mühe anders in Errinerung zu rufen ist, als in der Gestalt eines skurrilen Traums, gehe ich am Montag zum indischen Generalkonsulat. Ich habe noch nicht ganz aufgegeben, kurzfristig noch nach Indien zu kommen und will checken, zu wann ich ein reguläres Visum bekommen könnte. Von “Visa on Arrival” will ich nichts mehr wissen, denn erstens wird mir schlecht, wenn ich das Wort nur höre und ausserdem braucht es vier Tage Vorlauf. An der Tür des Konsulats hängt ein Zettel: Visabeantragung und -Abholung bei “ICGS Indo-German Consultancy Services”. Das ist ein paar Häuser weiter und besteht in einem Raum mit dem Charme einer Zahnarztpraxis, die seit dem Attentat auf Indra Gandhi Anfang der 80er Jahre nicht mehr renoviert wurde. Rechts ein grosser Schreibtisch mit drei Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeitern dahinter, links ein paar Stuhlreihen zum Warten – in der Ecke ein Fotoautomat, unten drunter billiges Laminat. Ich ziehe eine Wartenummer und beobachte das Geschehen. Über den drei Plätzen am Schreibtisch hängen zwei staubige Schilder: “Information” und “Prüfstelle”. Offenbar haben sie aber keine Funktion, denn augenscheinlich tun alle Mitarbeiter das gleiche. Es geht schnell voran, pro Person etwa 2-3 Minuten und es sind immer die gleichen Themen: “Die Fotos müssen nunmal in dem quadratischen Format sein, sonst akzeptiert das Konsulat die Bewerbung nicht”, sagt einer der Mitarbeiter und hält zum Beweis ein dickes Bündel aus Visabewerbungsformularen hoch. An jedem hängen ein Reisepass und zwei der quadratischen Fotos, um die es geht: “Die sehen alle so aus, schauen Sie!”. Am anderen Tisch wird die Sachbearbeiterin deutlich: “WICHTIG ist: Mit Schrägstrichen zu arbeiten. Nicht mit Punkten arbeiten, bei den Datumsangaben!”. Und einer Frau wird beigebracht, dass das deutsche “ß”, von dem sie findet, dass es doch “so ein schöner Buchstabe” sei, in dem Formular nicht zulässig und durch Doppel-s zu ersetzen ist. Ab und zu kommen Mitarbeiter aus dem Konsulat, bringen bearbeitete Formular-Reisepass-Bündel und nehmen neue mit. Pro Tag muss es hier um die Bearbeitung mehrer Hundert Visaanträge gehen. Ich stelle mir das ganze so vor: Das hier ist eine vorgelagerte Abteilung des Konsulats, deren praktisch ausschliesslicher Zweck es ist, halbwegs korrekt ausgefüllte Antragsformulare zu generieren. Und die im Konsulat machen den ganzen Tag nichts anderes, als Touristenvisa in Pässe zu kleben, denn wenn dort nicht – was die Grösse des Gebäudes nicht hergibt – einige Dutzend Konsulatsangestellte im Akkord arbeiten, ist für mehr als Überfliegen, Einkleben und Stempeln überhaupt keine Zeit. Es ist – so scheint mir – eine bürokratische Operation um ihrer selbst willen. Vom Geld mal abgesehen.

Als ich schliesslich dran bin, schildere ich kurz meinen Fall und der Mitarbeiter versteht, dass ich anscheinend schnell nach Indien will. Dann sei ein Expressvisum das richtige, das sei Mittwoch Abend fertig und koste 92€. Ich frage, ob Probleme zu erwarten seien, weil ich ja schon einmal an der indischen Grenze abgewiesen wurde und ein Feld im Antragsformular, das genau danach fragt, wahrheitsgemäss angekreuzt habe. Nein, äh, das sei kein Problem, aber wieso und wann denn “abgewiesen”? Ich erkläre noch einmal, dass ich vor zwei Tagen bereits in Delhi am Flughafen war und direkt wieder in den Flieger nach Hause gesetzt wurde. Er macht grosse Augen: Es gebe jede Menge Probleme mit den “on-Arrival” Visa, aber das sei bislang ein Extremfall, das habe er noch nicht erlebt – er werde mal beim Konsulat anrufen. “Immerhin”, denke ich – vielleicht versucht er ja, meinen Antrag irgendwie zu beschleunigen. Und als er auflegt und väterlich zu mir sagt: “Geht klar!” habe ich sogar für einen kurzen Moment die aufrichtige Hoffnung, dass nun tatsächlich einmal etwas abseits der Spur und zu meinen Gunsten geschieht. Jedoch: er bestätigt mir nur, dass das angekreuzte Feld kein Problem sei, was er mir ja schon gesagt hatte. “Abholung dann am Mittwoch, spätestens Donnerstag – 92€, bitte”.

Ich bezahle, gehe raus und finde für einen Moment, dass mir Indien erst mal gestohlen bleiben kann. Was ich erlebt habe, passt zu dem, was in Rinkus Erzählungen immer mal wieder durchkommt: Indien habe unglaubliches Potenzial, die Menschen dort seien sehr fähig und fleissig und wollten das Land voranbringen, aber die immer noch zutiefst korrupte Verwaltungselite ersticke mit ihrer Teerzähen Bürokratie echten Fortschritt im Ansatz. Und dann wiederum mag ich mir nicht ausmalen, womit es für Inder bürokratisch verbunden ist, mal eben zwei Wochen Urlaub in Deutschland zu machen. Interessehalber gehe ich auf die Webseite des Auswärtigen Amtes, um mir einmal die deutschen Einreise- und Visumsbestimmungen anzusehen. Und nachdem ich kürzlich noch darüber amüsiert war, wie mühsam das fade indische Visumsformular mit Bildchen von Tigern und indischen Sehenswürdigkeiten aufgepeppt war, bringt mich das Bild, das ganz oben auf der schmucklosen deutschen Seite prangt, seit zwei Tagen zum ersten Mal wieder zum Lachen:

Na, dann doch lieber Tiger und Taj Mahal. Ich versuche, es ab jetzt wieder mit Humor zu nehmen, was mir aber so richtig erst gelingt, als ich am heutigen Mittwoch den Reisepass mit dem wahrhaftigen Visum darin abhole. Morgen geht mein Flug – ich will noch einmal versuchen, ins Land des Papiertigers zu gelangen. Denn ich bin mir sicher: das richtige Indien fängt dort an, wo die Bürokratie aufhört.

(Der Vollständigkeit halber: Lufthansa wäre nicht verpflichtet gewesen, vor Flugantritt mein Visum zu prüfen, da eine Fluggesellschaft das bei Reisen in Länder, die Visa on Arrival anbieten, nicht leisten kann. Mein Rückflug, der eigentlich von Mumbai hätte gehen sollen, wurde kulanterweise durch den tatsächlichen Rückflug ersetzt, so dass mir zumindest keine weiteren Kosten für den Spontanflug entstehen. Und ja, ich glaube tatsächlich, dass ich den Passagier-Streckenrekord für Hamburg – Delhi – Hamburg halte. Wer 23 Stunden und 10 Minuten unterbieten kann, der möge sich melden!)

Besuch bei den Impfgegnern

Prolog

Facebook ist sehr bemüht, einem immer wieder Gruppen, Seiten und potenzielle neue Freunde vorzuschlagen, von denen es denkt, sie könnten zu einem passen. Allzu oft liegt der zugrundeliegende Algorithmus jedoch mit seiner Intention komplett daneben, denn er weiss z.B. nicht, ob man sich aus kontroversem oder wohlwollendem Interesse mit bestimmten Schlagworten beschäftigt hat. So schlug mir das System kürzlich vor, einer Gruppe mit dem schönen Namen “Impfen…NEIN danke!!!!!” [sic!] beizutreten. Da es mich, wenn ich gerade Kapazität für das Ertragen von Bullshit frei habe, durchaus interessiert, was “die andere Seite” so denkt und tut, betätigte ich den “Gruppe beitreten” Button und schlug mir schon mal den Verstand an der Beschreibung der Gruppe an, die sich auszugsweise dergestalt liest:

In einer modernen Welt wie dieser, frage ich mich wiso es immer wieder neue Erkrankungen gibt, trotz zahlreicher Impfungen (aber keine Bange es werden immer wieder neue erfunden:-)..) ist es vielleicht die Antwort auf viele zahlreiche unterdrückte Abwehrmechanismen des Körpers gerade auch wegen der Impferei????

Nun denn. Ich war bereit für das, was kommen sollte und nachdem meine Mitgliedschaft von den Gruppeninhabern bestätigt worden war, blubberten Beiträge aus dem Dunkelreich der Impfgegnerszene auf meine Timeline. Der Grundtenor: Impfungen sind schädlich, nutzlos und nichts weiter als ein Komplott der Pharmaindustrie zur Steigerung der eigenen Profite. So weit so simpel. Ansichten der beschriebenen Art sind mir nicht neu, die Hauptargumente der Impfgegner sind mir bekannt (man findet sie auf Wikipedia) und ausser der Feststellung, dass die Beiträge noch platter wirkten und formuliert waren, als ich es mir vorgestellt hatte, nahm ich das ganze ohne besondere Vorkommnisse für einige Tage zur Kenntnis.

Am letzten Freitag jedoch erscheint dort der folgende Beitrag:

Corinna H. Hallo, es geht um meine Tochter (13 Monate). Wir sind grad im Hotel und sie hat auf dem Balkon gespielt und als sie rein kam habe ich gesehen das sie alles winzig kleine holzsplitter im Bein hat. Ein paar konnte ich selbst entfernen bin dann aber auch direkt ins Krankenhaus um drüber schauen zu lassen weil noch einige drin sind. Der Arzt sagte in Kamillentee baden und mir einem Handtuch über die Haut rubbeln um sie zu entfernen weils mit der Pinzette nicht geht. Es wurde natürlich über die tetanusimpfung diskutiert weil meine kleine nicht geimpft ist. Ich habe abgelehnt – aber dennoch hat er mich verunsichert. Ich weis das eigentlich kein Tetanus entstehen kann wenn eine Wunde blutet aber wie ist das bei kleinen Splittern? Wahrscheinlich mache ich mich wieder total verrückt – Ärzte und ihre Panikmache

sowie in einem weiteren Beitrag

Corinna H. Er faselte dann noch was von wegen Entzündungen und Antibiotika geben in 2 Tagen. Und ganz wichtig tetanusimpfung!

Es folgen zwei Nachrichten anderer Gruppenmitglieder, in denen die Fragende darin bestätigt wird, nicht auf den Arzt zu hören und sich von dessen Impfpropaganda nicht beeindrucken zu lassen. An diesem Punkt halte ich es nicht mehr aus. Ich antworte folgendes:

Stephan S. Hallo. Ich gucke mir diese Gruppe hier seit ein paar Tagen an, weil ich mal sehen wollte, was in der Impfgegner-Szene so los ist. Ich muss sagen, ich bin entsetzt, wie leichtsinnig hier mit gefährlichem Unwissen hantiert wird und wie offensichtlich es eigentlich nur darum geht, die eigene Meinung bestätigt zu bekommen und gegenüber der “bösen Medizinverschwörung” abzuschotten. Ich weiss, dass ich jetzt gleich mit Anfeindungen überrollt werde und dass dieser Appell wohl nichts bringen wird, aber ich kann nicht anders als dir, Corinna H., zu sagen: MACH DIE VERDAMMTE TETANUS-IMPFUNG!!! Es stimmt schon, dass die Wahrscheinlichkeit einer Infektion bei ein paar Splittern nicht gross ist (genau deswegen und weil hierzulande niemand eine konkrete Vorstellung der Krankheit hat, ist es aber auch einfach, da leichtfertig zu sein). Aber wenn es passiert, dann bist du schlimmstenfalls am qualvollen Tod deiner Tochter schuld. Das ist nicht ironisch oder überspitzt gemeint, sondern genau so. Im Nachhinein hilft es dir und deiner Tochter dann leider auch nichts mehr, zu merken, dass du falsch lagst. Lies dir doch bitte, bitte wenigstens die relevanten Wikipedia Artikel zum Thema durch. Und versuch dich noch mal zu fragen, warum dein Arzt dir zu dieser Impfung rät, obwohl sie ja angeblich sinnlos ist. Und zwar nicht mit all den fertigen Denkvorlagen, die hier kusieren, sondern von Null – mit eigenen Gedanken. Ich kann dir zu meiner Person sagen: Ich bin kein Arzt und kein Vertreter irgendeiner Branche oder Lobby, die mit Medizin oder Medizinprodukten zu tun hat. Ich bin irgendein Computerfuzzi, der sich für das Denken anderer interessiert, vor allem für Denkfehler. Und ich muss sagen: So viele Denkfehler und noch dazu derart gefährliche wie in dieser Szene habe ich noch nirgends auf einem Haufen gesehen. Es ist wirklich beängstigend. Also noch mal, Corinna H.: bitte, bitte, bitte!!!

Ich komme nicht einmal dazu, mich zu fragen, wie lange es dauern wird, bis der Shitstorm beginnt, denn praktisch in dem Moment in dem ich auf Absenden gedrückt habe, macht Facebook schon “Pling!”.

Boom goes the dynamite


Beatrice O.
Bitte bitte bitte verpiss dich, du hast dich verirrt und bist zudem auch noch verwirrt! Und ich empfehle dir sich mal ausgiebig mit Tetanus zu befassen… Nicht bei lügepedia

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Stephan S.
Bitte erkläre mir, wieso du Informationen auf Wikipedia für nicht glaubhaft hältst.

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Beatrice O.
Erkläre du mal , warum sie glaubhaft sein sollen !

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Silke E.
In Wikipedia kann jeder Hintz und Kuntz reinschreiben. Soviel zum Wahrheitsgehalt.
Ist der Fuß desinfiziert worden, ich vermute, ja ?
Und wie soll man gegen Gift impfen können ?

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Schon mal ein sehenswerter Auftakt also.

Ich will nun anhand der folgenden Diskussion zwischen mir und anderen Gruppenmitgliedern einige typische Argumentationsmuster der Impfgegner deutlich machen. Ich folge dabei grob, aber nicht unbedingt dem chronologischen Ablauf der Diskussion und hole Beiträge von oben oder unten hinzu, um bestimmte Sicht- und Verhaltensweisen der Impfgegner zu verdeutlichen. In jedem Fall sind sämtliche Beiträge im originalen Wortlaut wiedergegeben – auch wenn das oftmals die Lesbarkeit erheblich erschwert. Lediglich Namen habe ich abgekürzt.

Alles Lügner ausser wir!

Was ist hier also bislang typisch? Zunächst etwas, was unverzichtbar ist für die Aufrechterhaltung des Denkmodells Impfgegnerschaft: Die Delegitimierung etablierten Wissens und etablierter Informationsquellen. Silke E. macht es oben vor. Einerseits hat sie offensichtlich überhaupt keine Vorstellung davon, wie Wikipedia in der Praxis funktioniert: Dass dort zwar tatsächlich prinzipiell jeder etwas “reinschreiben” kann, dass hierfür aber strenge und nachvollziehbare Objektivitäts- und Relevanzkriterien gelten und durchgesetzt werden. Die verkürzte Version “jeder darf da reinschreiben” reicht Silke E. aber vollkommen, um zu begründen, warum Wikipedia nicht glaubhaft ist und sogar lügt. Muss ja auch: Wenn man Ideen vertritt, die in krassem Gegensatz zur etablierten Meinung stehen, dann muss alles, wo etwas anderes drin steht, falsch sein. Wikipedia also schon mal: abgehakt, lügt! Der andere grosse Gegner in Sachen Desinformation sind – na klar – die Medien. Gegen die wird typischerweise so argumentiert:

Ci Ci Ok Stephan du scheinst eine Meinung zu verteten die die Medien etc den Menschen so einflößen wollen.

Es gibt also “die Medien”, die “den Menschen” etwas einflössen wollen. Und zwar das, was der eigentliche Gegner – im Falle der Impfgegner ist das üblicherweise die Pharmaindustrie – wiederum den Medien eingeflösst hat. Das ist ein praktisches Argument weil es a) nicht überprüfbar, somit b) auch nicht widerlegbar ist und c) auf so ziemlich alles, also z.B. auch auf Einzelpersonen angewandt werden kann. Judith R. macht das gleich mal vor, nachdem jemand aus dem Forum meine Beiträge offenbar gar nicht so blöd fand:

Julia G. ich persönlich finde es interessant, was Stephan zu sagen hat. Macht jetzt auf mich keinen doofen Eindruck…
Judith R. ne doof nicht aber gehirngewaschen und dass ist jetzt nicht als beleidigung gemeint
Stephan S. Okay, hast du auch ne Theorie, wie diese “Gehirnwäsche” ausgesehen haben mag, also wer sie durchgeführt hat?
Judith R. weis nicht kenn dich ja nicht deiner eltern dien umfeld die pharma durch werbung etrc.

Und wieder: Fall gelöst! Wikipedia, die Medien und jeder, der uns, den Impfgegnern, widerspricht: Alle doof, manipuliert, gehirngewaschen. Lügner vor dem Herrn. Und wer bleibt übrig? Richtig: wir, die Impfgegner! Und weil wir die Wahrheit kennen, sind freilich Quellen, die unsere Meinung bestätigen, unanfechtbar. Das muss dann auch nicht gross begründet werden:

Liza L. ich möchte dir noch was mit auf den weg geben-lies bücher von dr.loibner wohlgemerkt ein allgemeinmediziner-der dir sehr einfach und logisch-mit quellenangaben vermitteln kann warum impfungen schwachsinn sind..im dem sinne ade..

oder

Tanja M. schau dir Bitte den film ‘wir impfen nicht’ an Oder lies ein buch, zb Martin Hirte ‘impfen pro&contra’ Und wenn du dann nicht mehr zu Den gefährlichen nicht-wissern gehörst bist du gerne eingeladen Fragen zu stellen

Dr. Loibner und Martin Hirte also. Ich google die mal kurz. Der eine, Loibner: ein österreichischer Arzt, Anhänger der Neuen Germanischen Medizin, Opus-Dei Mitglied und zeitweise Inhaber eines Berufsverbots der Steirischen Ärztekammer wegen Verletzung seiner ärztlichen Sorgfaltspflicht. Findet, dass Kinder “durch ausreichend Bewegung, gesunde Ernährung, genügend Schlaf und frische Luft vor Infektionskrankheiten geschützt” sind und meint, Krebs mit Homöopathie heilen zu können. Der andere, Hirte, ebenfalls Arzt und Homöopath und Autor des Buchs “Impfen – Pro & Contra”, das vom rechtsesoterischen Kopp Verlag vertrieben wird. Beide: Esoterische Vollblüter und Subjekt ausführlicher Psiram-Artikel (das, was früher mal Esowatch hiess).

Nun denn. Immerhin wurden hier zumindest so etwas wie Quellen genannt. Aber selbst wenn man gerade keine passenden Autoritäten mit möglichst vielen wissenschaftlichen Titeln parat hat, muss man als Impfgegner noch lange nicht anfangen, die absolutistischen Ansprüche an die Wahrhaftigkeit der eigenen Position herunterzuschrauben. Dann hilft nämlich immer noch das gute alte “ich habe trotzdem recht!”. Ein gewisser Mario demonstriert es gleich mal:

Mario K. Mal zu den Büchern und Wikipedia. Egal was ihr lesen werdet. In den wenigsten Fällen IST es die Wahrheit. Wer liest, liest das was der Staat will das ihr es lest. Das nicht impfen lernt man nicht in einem Buch. Das sollte ein Urinstinkt sein. Und bei den meisten ist das auch so. Und überzeugen könnt ihr eh kein. Entweder man ist bereit den Weg zu gehen oder nicht.

Was hier – neben extremer Selbstbezogenheit – noch durchscheint, ist eine Grundhaltung, die mir der Nährboden für die Verbreitung schlechter Ideen wie Impfgegnerschaft zu sein scheint: Das mulmige Gefühl, dass alles Strukturelle und öffentlich organisierte einem nur Böses will und dass es nichts und niemanden gibt, der im eigenen Sinne handelt: Vertraue niemandem ausser dir selbst! Und denen, die dir möglichst laut mitteilen, dass sie deine Probleme und Sorgen emotional verstanden haben. Und die dir sagen, dass sie wissen, was dagegen zu tun ist. Alle anderen sind Feinde. Sich anhören, was sie in der Sache zu sagen haben? Auf gar keinen Fall! Dann lieber mundtot machen:

Ci Ci Admins!!! Bitte kommen. Hier hat sich eindeutig jemand gewaltig verirrt. Stephan S. , was willst du denn bezwecken?? Hier sind unendlich viele saumäßig informierte und belesene Leute. Da gibt es keine Chance für deine Propaganda.

Keine Chance also für meine Propaganda – davon bin ich momentan auch noch überzeugt. Was später passieren wird, kann ich noch nicht erahnen, aber erst mal geht’s munter weiter. Diesmal mit einem weiteren “Argument”, das der Impfgegner an sich offenbar für durchschlagend und valide hält, denn ich habe es in diversen Ausführungen bereits gesehen und es wird im weiteren Verlauf auch noch öfter hervorgebracht. Es geht etwa so:

Judith R. Und sorry ich bin leider geimpft worden habe etliche krankheiten trotz impfung bekommrnnhabe schiefer [Anm. d. Verf: es sind wohl Schiefersplitter gemeint] die ich so nicht rausbekam einfach stecken lassen habe nie etwas desinfiziert und auch nir deswefen zu arzt gegangen man kanns auch übertreiben ach ja mein vater ist übrigens letztes jahr gestorben an ner blutvergiftung mit tetanus und er war uber 50 jahre durchgrimpft … dass nennt man Schicksal

Typisch hier? Es werden Rückschlüsse aus anekdotischen Einzelfällen und der eigenen unstrukturierten Beobachtung gezogen. Judith hatte mal was im Fuss stecken und hat trotzdem kein Tetanus bekommen. Für sie ein klarer Beleg dafür, dass die Tetanusimpfung und Impfungen überhaupt unnötig sind. Ob das wirklich so gemeint ist? Ja, ist es. Logik für Impfgegner!

Was hier aber noch deutlicher durchkommt und was mir erst später so richtig klar wird: Allzu oft haben die Leute wirklich die grundlegendsten Zusammenhänge zum Thema Impfen nicht verstanden. Aus Judiths Beitrag wird bei genauem Lesen deutlich, dass sie nicht verstanden hat, dass Impfungen nur für bestimmte Krankheiten wirken und nicht etwa so eine Art Generalimmunisierung für ein Individuum erzeugen. Anders sind ihre Formulierungen und Folgerungen nicht zu erklären. Im Umkehrschluss dieses Missverständnisses wirkt dann die Tatsache, dass jemand trotz Impfung an irgendetwas erkrankt ist, wie ein valides Argument gegen die Wirksamkeit von Impfungen: Judiths Papa hat eine Blutvergiftung gehabt, da er aber gegen Tetanus geimpft war, muss die Impfung wirkungslos gewesen sein! In ähnlicher Weise argumentiert später eine Mutter, deren eines Kind “geimpft” ist (wogegen auch immer) und das “viel öfter krank” ist, als das andere, nicht geimpfte:

Diana G. Ich hab zwei Kinder, eines z.B. komplett geimpft, das andere komplett ungeimpft. Das erste hatte schlimme Nebenwirkungen und war ständig krank. Das andere durchschnittlich wesentlich weniger.

Das Wortgefecht geht fröhlich weiter, und da nun offenbar auch dem letzten klargeworden ist, dass hier der Feind durch die eigenen Reihen rennt, fallen die letzten Hemmungen, mir verbal einen mitzugeben. Es folgen Kommentare über Grösse und Zustand meines Gehirns, sowie anderer Körperteile, eine Aufforderung, einen Friseur aufzusuchen und die Feststellung, ich sei mit Wissenschaftsgläubigkeit infiziert. Gleichzeitig – und das finde ich interessant – wird deutlich, dass innerhalb der Gruppe Uneinigkeit besteht, wie hart man mich angehen darf. Einige sind unglücklich darüber, dass man mich beleidigt hat und sehen in derart aggressivem Verhalten einen Grund, warum Impfgegner nicht ernst genommen werden.

Silvia D. Also ich muss sagen das es mich unheimlich stört wie beleidigend ihr werden könnt Das is vielleicht auch der Grund warum wir nicht impfer immer belächelt werden und nicht ernst genommen

Andere sehen das anders und stellen klar, worum es ihnen bei der Gruppe geht:

Jürgen F. Hier Ist keine Pro u Contra Gruppe sondern Eine klare Contra Gruppe. Leute Die hier irgend ne ‘arme mutter’ Zur ‘vernunft’ bringen Wollen Sind hier hoffentlich nicht erwüns
Tanja M. Nein, Es Ist Ein weg Den man geht Mit Gleichgesinnten Die einen stärken! Draussen kämpft man Schon genug! Hier Wird Der rücken gestärkt Und beim weg begleitet! Darum Bin Ich begeistert Von dieser Gruppe, Und Von euch allen! Bis auf Den da…

Ich beginne, zu ahnen, wie sehr sich diese Szene von der Umwelt abgekapselt hat. Ich bin hier anscheinend der erste, der mal gegen ihre Linie redet und der Beissreflex der einen erschreckt nun die, die sich in der Gruppe in Gesellschaft von Leuten glaubten, die sich lediglich an ihren geteilten geistigen Errungenschaften erfreuen. Was mir in diesem Zusammenhang ebenfalls auffällt: Es kommen praktisch nur Argumente, die offensichtlich noch nie auch nur mit sanftem Widerspruch konfrontiert wurden. Aus anderen derartigen Debatten weiss ich, dass die Argumente der Gegenseite – so falsch sie in der Sache auch sein mögen – jahrelang in der Brandung der Kritik geschliffen wurden und es schwierig ist, Ansätze zur Gegenargumentation zu finden. Hier bei den Impfgegnern wird teilweise einfach unverhohlenes Unwissen auf die Zeitleiste gepampt – in der offensichtlichen Annahme, dass es niemanden gibt, der widerspricht:

Stefanie M. Hab mal so überlegt…ich hatte nie windpocken habe aber trotzdem des öfteren herpes….eigentlich können sich die Viren doch nur im Körper festsetzen wenn man windpocken hatte oder?kann doch nur vom impfen kommen oder?
Monika A. Die Wahrscheinlichkeit ohne Impfung 100 zu werden ist gering? Wie erklärst du dir dann, dass der Mensch immer jünger stirbt

Lach- und Sachgeschichten

Während der Shitstorm über mich herzieht, stelle ich einfach mal ne Sachfrage:

Stephan S. @Judith R., dann begründe doch bitte mal, worin die Gefahr bei einer Tetanus Impfung besteht.
Judith R. Quecksilber aluminium die impfung an sich tut weh… usw.

Und jetzt wird’s spannend. Da ich die Idee mit dem Aluminium kenne, sage ich: Stimmt, Aluminium ist da drin. Als Wirkverstärker. Sie: “und schädlich ist er auch”. Ich: “Nein, nicht in der Menge”. Judith darauf:

Sagst du ich behaupte das gegenteil aber sorry ins unsrer nahrung und sonstwo ist so viel scheiß drinnen dass ich versuche alles was geht zu vermeiden also auch dass… und langzeitstudien über generationen gibts nicht also kannst du es nict wissen…

Äh… ja. Es hat also irgendwie auch was mit der Nahrung zu tun, mit irgendwelchen Giften, die “überall” sind und… ach, na ja. Vermeidung ist immer gut, und zwar von allem. Einen Aluhut wiederum würde Judith sich vermutlich bedenkenlos aufsetzen, aber das fällt mir erst hinterher ein, sonst hätte ich sie das mal gefragt.
Um das ganze abzurunden, grätscht nun noch Mario dazwischen und meint “Einfach nix mehr antworten, dann wird er müde. Und morgen hat er alles vergessen wegen dem Alu was sie ihm schon reingeschossen”. Und eine Monika gleichen Nachnamens wie Mario empfiehlt mir noch, dringend mal den Film “ die Akte Alu “ zu gucken. Ich entgegne:

Stephan S. Leute, es ist eine Frage der Menge, wie bei allem anderen auch. Es reicht nicht, zu sagen, da ist das und das drin, ihr müsst schon auch begründen, warum das in der Menge ein Problem sein sollte.

Das ruft zunächst wieder Mario auf den Plan:

Mario K. Hast du schon mal Crystal meth geraucht. So ein ganz kleines bissi macht doch nix. Die Menge macht’s. Heroin, nur ein kleinen Schuss….. Solltest du mal tun. Aber nur wenig, dann machst auch nix !

Ich sage: okay, und was willst du mir damit sagen? Hast du schon mal ein 100stel Bier getrunken und was gemerkt? Genauso (das sage ich ihm) ist es auch mit Methamphetamin: ein Hundertstel einer wirksamen Dosis wird höchstwahrscheinlich gar nichts tun. Kannst du nehmen oder auch lassen – es ist einfach egal. Mario denkt nach und antwortet:

Wenn man hier ne Stange hinbaut…… Gibt’s morgen früh ohne Ende Eier. Soviel Hühner gibt’s nicht mal in der Massentierhaltung in einem Käfig??

So langsam wird mir klar: Diese Leute können Dosen nicht einschätzen (nicht die aus Blech, sondern den Plural von Dosis) und wissen offenbar teilweise nicht, was eine Dosis überhaupt ist. Die Vorstellung, dass ein bestimmter Stoff in der einen Menge gesundheitsgefährdend, in einer anderen auf eine bestimmte Weise wirksam ist und in wiederum einer anderen überhaupt keine Wirkung hat, ist ihnen fremd. In ihrer Vorstellung besteht das Fach Chemie aus zwei grossen Listen: Einer mit guten und einer mit schlechten Stoffen, wobei die schlechten auf einer Skala von “eher ungut” bis “diabolisch” sortiert sind. Die Einordnung erfolgt auf Zuruf und tendenziell anhand des Kriteriums “Natürlich” oder “Unnatürlich”. Unnatürliches ist grundsätzlich böse, Natürliches super. Für Mario ist deshalb klar: Wenn man Aluminium (böse) oder eben auch Crystal Meth (diabolisch) zu sich nimmt – egal, auf welchem Weg und in welcher Dosierung – dann ist es zu spät und Tod, bzw. Drogenkarriere sind unabwendbar. Mit diesem pharmakologischen Modell vor Augen reicht dann nachvollziehbarerweise auch die Feststellung, dass in Impfstoffen Aluminium drin ist, um genug Angst für eine generelle Ablehnung von Impfungen zu erzeugen.

Um das klarzustellen: Ich will nicht sagen, dass man Crystal Meth ausprobieren soll oder dass das als Droge harmlos ist. Es geht darum, dass die Art der Wirkung von Stoffen auf Lebewesen IMMER und ENTSCHEIDEND von der aufgenommenen Menge abhängt. Eine Prise Kochsalz macht die Nudeln lecker, hundert Gramm sind tödlich. Tausend Gramm Bier machen heiter, fünf Liter sternhagelvoll und ein Schnapsglas voll tut gar nichts. Und zehn Milligramm Methamphetamin tun, was Crystal Meth eben tut, ein Hundertstel davon – 100 Mikrogramm – sind höchstwahrscheinlich pharmakologisch wirkungslos. All das hindert Vanessa B. aber nicht, noch mal ein Kombiargument aus Anekdoten, Hörensagen und medizinischem Unverständnis rauszutun und noch mal deutlich zu machen, dass Erfahrung und Wissen in der Welt der Impfgegner im Grunde das gleiche sind:

Vanessa B. Viele haben Ihr Wissen leider durch Erfahrungen. Und wenn du dein Kind siehst wie es sich nach der Impfung quält danach immer wieder krank ist usw. ist das alles andere als schön. Ein Amt (habe den Artikel gerade nicht zur Hand) warnt schon vor Alufolie, Alu in Deos usw. Das Alu wird aber nur über Haut usw. aufgenommen. Wie schädlich wird es dann wohl sein wenn es ohne Rücksicht auf Verluste einem Körper gespritzt wird?

Und jemand anderes wirft etwas in den Raum, was wohl ein Sachargument sein soll:

Ci Ci Weil Fakt ist: Impfungen sind Gesundheitsschädlich. Ich kenne in meinem Umfeld mind. 3 Kinder mit impfschaden! Der eine mehr, der andere weniger. Ich habe bisher KEINEN einzigen Menschen mit folgeschäden von Kinderkrankheiten gesehen! Ist das denn Zufall?!??

Wieder ein Erfahrungsbericht als “Beleg” für etwas und zum ersten Mal das Wort “Impfschaden”, auf das ich später noch mal zurück kommen werde. Zunächst aber zu einem der kuriosesten Argumente der Impfgegner: Ci Ci hat also noch keine Menschen mit Folgenschäden von Kinderkrankheiten gesehen und das kann kein Zufall sein.

Ich muss mich zurückhalten, keinen übermässigen Gebrauch von der Shift-Taste zu machen und antworte:

Stephan S. Nein, Ci Ci, dass du noch keine Menschen mit Folgeschäden von Kinderkrankheiten gesehen hast, ist kein Zufall. Das liegt daran, dass die meisten dieser Krankheiten hierzulande durch Impfung mehr oder weniger ausgerottet sind.

Was ich Ci Ci hier etwas gehetzt entgegnet habe, formuliert Wikipedia allgemeiner (und man möchte fast meinen: mit einem Hauch von Süffisanz) so:

Auch Impfverweigerer werden […] Nutznießer der hohen Populationsimmunität durch das Impfen

Heisst: Auf die Behauptung, Impfungen würden nicht wirken, kann man überhaupt nur deshalb kommen, weil die Krankheiten, gegen die geimpft wird, aufgrund der hohen Durchimpfungsraten nicht mehr im öffentlichen Bewusstsein sind! Es ist etwa so, als würde man den hervorragenden Zustand der Bundesdeutschen Wälder loben, daraus folgend die prinzipielle Möglichkeit eines Waldsterbens leugnen, um schliesslich zum Verzicht auf Katalysatoren aufzurufen. Grotesk, aber wahr. Impfgegnerdenken? Das ist so wie denken, nur ohne das Denken.

Ebenfalls bezeichnend für die Argumentation der Impfgegner ist: Es wird – sofern überhaupt ein Verständnis für statistische Zusammenhänge erkennbar ist – jeweils nur der Teil der Statistik betont, der ins eigene Weltbild passt. Egal, wie unbedeutend er sein mag und wie sehr er von etwas anderem überwogen wird. Besonders interessant finde ich in diesem Zusammenhang, dass wieder und wieder – wie üblich stets in Form einer Anekdote – das Argument kommt, dass irgendwer trotz Impfung an etwas erkrankt ist. Und dass daraus auf direktem Weg gefolgert werden kann, dass Impfungen nutzlos sind. Komplett ausgeblendet wird, dass

  • Impfungen nie einen vollständigen Schutz bieten
  • Impfungen mit der Zeit ihre Wirkung verlieren und aufgefrischt werden müssen
  • Impfungen, wie oben bereits erwähnt, nur für einen bestimmten Erreger wirken

und dass folglich

  • Das was Impfungen nicht leisten können, kein Argument gegen Impfungen ist
  • Der Schutz, den Impfungen bieten, ihren Nutzen begründet

Nur wenn man all das vollständig ignoriert, kann man finden, dass Argumente wie das folgende gültig sind und dass sie eine Beweispflicht bei der Gegenseite erzeugen:

Judith R. stephan wie kanns seindass ich gegen alles geimpft bin an roteln und masern aber spat erkrankte

Impfschäden

Was in der statistischen Betrachtung des Nutzens von Impfungen noch fehlt, sind die negativen Folgen von Impfungen – sprich: Die Nebenwirkungen. Die Impfgegner würden an dieser Stelle sagen: “GENAU! Du hast das Wichtigste bislang einfach unterschlagen!” (und vermutlich noch einige Bemerkungen zum Zustand meiner Potenz anfügen). Die Nebenwirkungen des Impfens sind nämlich der primäre und oft auch der einzige argumentative Ansatz der Impfgegner und die oft unausgesprochene Basis ihrer Schlussfolgerungen. Die ausgesprochene Form hingegen trägt so gut wie immer den Titel “Impfschaden” – ein Begriff aus dem Medizinrecht, den die Szene weitgehend für sich und ihre Vorstellungen vereinnahmt hat. Er wird zumeist anekdotischen Fällen zugeordnet, und zwar – wie üblich – ebenso unzweifelhaft, wie unbegründet:

Monika K. Stephan , so unproblematisch das ich schon fälle gesehen hab die nach der Impfung irreparable nervenschäden hatten und sogar Lähmungen …. Von chronischen Krankheiten und Spätfolgen ganz zu schweigen

Monika hat “schon Fälle gesehen”, und wusste diese zweifelsfrei als “Impfschaden” zu identifizieren. Was sie vermutlich – wie auch schon Ci Ci oben – noch nie gesehen hat, sind die Folgen der Krankheiten, gegen die geimpft wird, und zwar insbesondere die schweren Komplikationen und die zu erwartenden Todesfälle. Tot ist eben nunmal tot.

Ebenso souverän ausgeblendet wird stets die Tatsache, dass medizinische Massnahmen IMMER eine Abwägung zwischen Schaden und Nutzen sind und dass die Betrachtung von Nebenwirkungen für sich genommen genau gar nichts aussagt. Es ist so, wie die Abschaffung von Anschnallgurten zu fordern, weil angeblich schon mal jemand an einem allergischen Schock gestorben ist, den das Anschnallgurtmaterial ausgelöst hat. Zum Glück würde kein vernünftiger Mensch so argumentieren und zum Glück funktioniert so auch nicht die moderne Medizin: Kein Arzt würde jemandem ohne Not den Bauch aufschneiden, denn es ist mit Schmerzen und möglichen Komplikationen bis hin zum Tod verbunden. Eine Blinddarmentzündung und die durch sie zu erwartenden gesundheitlichen Folgen hingegen rechtfertigen den Eingriff. Genauso ist es mit Impfungen: Selbst wenn statistisch gesehen Todesfälle und bleibende Schäden durch die Impfung zu erwarten sind: Dem gegenüber stehen die Folgen der Krankheit und diese lassen – selbst bei den vermeintlich harmlosen “Kinderkrankheiten” – die Nebenwirkungen der Impfungen aussehen wie einen Julimorgen im Freizeitpark. So liegt z.B. die Komplikationsrate für Masern bei 20%-30% und zwischen 1 und 3 von 1000 an Masern erkrankten Personen sterben daran. Dass Impfungen die Masern und eine Vielzahl anderer Krankheiten praktisch ausgerottet haben (wie diese Grafik anschaulich verdeutlicht) ist für Impfgegner bedeutungslos. Sie wissen, wie es wirklich ist und natürlich auch, wie man das “sauber” begründet:

Ci Ci Weil Fakt ist: Impfungen sind Gesundheitsschädlich.
Judith R. impfungen nutzen nicht und sind schädlich

“Die Pharma”

Mehrfach ist im Verlauf der Diskussion nun schon der Hinweis auf die “Pharmalobby” gefallen, die innerhalb der Gruppe bereits routiniert-vielsagend als “die Pharma” abgekürzt wird. Das Argument ist altbekannt und handelsüblich: Es gibt eine Art “Medizinisch- industriellen Komplex”, also eine Verflechtung von Firmen und Organisationen aus dem gesundheitlichen Bereich, die – gerne auch gemeinsame Sache mit Medizinern machend – kollektiv zum Unwohl der Patienten und mit dem vorrangigen Ziel der Profitmaximierung agieren. Es ist – so scheint mir – ein Argument, dessen Attraktivität mit der Reduktion des Inhalts steigt: “Die wollen nur mein Geld, wie können sie sich dann für meine Gesundheit interessieren?!”. Dass man diese Vorstellung – zumindest probehalber – auch umdrehen könnte, wird nicht gesehen: “Wie könnten die irgendwessen Geld wollen, wenn sie nichts für deren Gesundheit täten?”. Nicht dass ich das so einfach sehen würde: Pharmaunternehmen sind – wie wohl alle Grossunternehmen – sicherlich keine Chorknaben, wenn es um die Durchsetzung ihrer geschäftlichen Interessen geht. Aber die Wahrheit – sofern es sie gibt – liegt mit Sicherheit viel eher im komplexen bürokratischen Detail, als in einer grossangelegten Verschwörung zum Verkauf wirkungsloser Impfpräparate mit nichts als Nebenwirkungen. Weil ich die Idee von der Pharmaverschwörung noch mal in freier Wildbahn sehen will, frage in die inzwischen sehr muntere Runde (Judith R.: “ich gugle schon am boden vor lachen”), warum dieses Argument so viel Anklang findet:

Stephan S. Dieses Argument, dass die böse Pharmalobby hinter allem steckt und nur euer Geld auf Kosten eurer Gesundheit will, ist für die meisten hier sehr überzeugend, oder?

Und erhalte – neben einigen nicht dechiffrierbaren Beiträgen – folgende Antworten:

Anne G. Weil es diese selbst zugegeben haben, dass sie selbst über der Politik stehen!!!!
Judith R. ja ist es …
Judith R. warum schenken die den ärzten kugelschreiber?
Lissy R. Wenn der Arzt selber mal sagt, dass er damit sein Geld verdient und als einziges Argument fürs Impfen hervorbringt, dass ich als mutter ohne impfen auf ne menge geld verzichten muss…. Das alleine bewegt mich schon zum nachdenken…

Sehr erhellend. Es ist also:

  • offensichtlich, wie es läuft
  • zugegeben haben “sie” es auch schon
  • zur Durchsetzung ihres finsteren Plans sind ihnen sogar Kugelschreiber recht
  • und Ärzte verdienen Geld

Und mehr noch: Manuela S. postet die Meldung, dass modifizierte Masernviren erfolgreich zur Behandlung eines Krebstumors eingesetzt wurden. Das ist tatsächlich eine spannende Geschichte und der Hintergrund – so weit ich ihn verstehe – ist der: Masernviren werden so modifiziert, dass sie Tumorgewebe, nicht aber gesundes Gewebe angreifen und erste Versuche damit sind vielversprechend. Nebenbei bemerkt ist das ganze technisch gesehen einer Impfung gar nicht so unähnlich. Und: Nur gegen Masern geimpfte Testpersonen werden in der klinischen Erprobung zugelassen. Das steht aber nicht in Manuelas Artikel, sondern ist einen kompletten Mausklick entfernt. Für Manuela jedoch zählt, dass die Masern uns Menschen aus einer Art solidarischem Interesse gegen Krebs helfen. Und sie weiss sogar schon, wie das ganze weitergehen wird:

Manuela S. selbst wenn masern Viren schlagartig krebs heilen könnten ihr glaubt doch im leben nicht dass die pharma das zulassen würde. erstens impft keiner mehr, zweitens müssten sie zugeben dass die impfung scheisse war und vor allem würden sie kein geld mehr mit chemo, Bestrahlung, ops verdienen. nee nee das wird nie durchkommen

Will heissen: Masern wollen in Wirklichkeit nur unser Bestes und wir dummen Menschen impfen sie in blinder Technikgläubigkeit einfach weg. Und zwar mit Impfstoffen, die, äh, ach nee, die wirken ja gar nicht. Ach, egal. Impfung: Scheisse.

Während ich all das nicht so ganz fassen kann, bekommt Judith R. die zweite Luft. Ihre Uroma muss nun als Statthalterin ihrer Position ran und wie jeder weiss, sind Uromas frei von jeglichem Zweifel und Argumente, in denen sie vorkommen, sind immer richtig. Immer.

Judiths Uroma also

[…] hat 16 kinder und das funfte ist bei der geburt ausversehen in der kohleschublade gelandet es lebt immer noch ohne tetanus

Als ich auf ihr Wahnsinnsargument nicht gleich antworte (ich diskutiere zu diesem Zeitpunkt wohlgemerkt mit etwa 15 Personen gleichzeitig) zündet sie eine verbale Staffette frei nach dem Motto “an der Rhetorik im Kindergarten war weissgott nicht alles schlecht!”:

Judith R. stephan wo bist du hin hast du dich verdruckt? · 4 Min.
Judith R. ja ein zu null für mich ;-))) · 3 Min.
Judith R. wenigstens etrwas gutes am heutigen datum ;-)))) · 3 Min.
Judith R. ach ja stephan in der rechtslage [sic!] gilt stillschweigen als zuspruch · 2 Min.
Judith R. impfungen nutzen nicht und sind schädlich · 2 Min.
Judith R. wartet · 2 Min.
Judith R. wartet · 2 Min.
Judith R. wartet · 2 Min.
Judith R. stephan sagt nichts also stimmt er mir zu ;-´)) · 2 Min.

Das beste kommt zum Schluss!

So langsam fange ich an, mich zu fragen, ob Fassungslosigkeit chronisch werden kann. Meine Gemütslage ist eine sich zu verfestigen drohende Mischung aus Entsetzen, Wut, Frust und Resigniertheit. Ich habe mir wirklich nicht vorstellen können, wie schlimm das Phänomen Impfgegnerschaft aus der Nähe betrachtet aussieht und mir fehlt jede Idee, wie man derartiger geistiger Umweltverschmutzung beikommen soll. Und dann macht es wieder “Pling!” und folgende Privatnachricht kommt rein:


Guten Abend Stephan :-)

Erst mal… Hut ab, ich wär an deiner Stelle schon vor ner halben Stunde explodiert
Ich bin nun schon längere zeit in impfgegnerischen Gruppen unterwegs und hab mich bis vor kurzem auch noch als absoluten Impfgegner gesehen und mein Kind ist deshalb ungeimpft bis jetzt.
Allerdings muss ich sagen… Ich tendiere immer mehr in die andere Richtung und fand deine Argumentation echt super.

Darf ich fragen… Hast du selbst Kinder?

Lg [Name aus gutem Grund entfernt]

Ich antworte erst mal nur “whow!” und gehe zum Kühlschrank, obwohl ich eigentlich weiss, dass gar kein Bier drin ist. Egal. Mir reicht die Vorstellung, das ich mir eins beim Kiosk holen könnte, um mit mir selbst auf meinen bislang grössten skeptischen Erfolg anzustossen. Gemessen an der Menge der Mitglieder der Gruppe – es sind 5000 (in Worten: Fünftausend) – ist es natürlich ein kleiner Erfolg, aber er macht Hoffnung, wo vorher gar keine war. Und es bleibt nicht dabei: noch andere aus der Gruppe melden sich an diesem Abend bei mir und wir unterhalten uns abseits der Doofheit über Impfen und die Welt.

Feierabend

So weit mein Bericht aus den Untiefen der Impfgegnerschaft. Ich habe einiges gelernt und verstehe nun besser, wie Impfgegner ticken. Der Preis dafür waren einige Stunden manifester Unerfreulichkeit und einige Erkenntnisse, die ich lieber nicht gehabt hätte. Mir ist völlig klar: Ich habe es hier nicht mit den Vordenkern der Szene zu tun gehabt. Sofern es intelligentes Leben gibt auf dem Impfgegnerplaneten, dann ist es woanders. Ich glaube aber dennoch, dass ich die wesentlichen “Argumente” der Szene erlebt und hier wiedergegeben habe. Und schliesslich sind es auch nicht Leute wie Loibner und Hirte, die die unmittelbare öffentliche Überzeugungsarbeit leisten. Dafür sind sie zu schräg und zu offensichtlich der esoterischen Ecke zuzuordnen. Es sind die “überzeugten Normalen” wie die in der Gruppe, die im Alltag dort mit ihrer Meinung parat stehen, wo berechtigte Fragen sind, verständliche Unsicherheit herrscht oder Vernunft nur eine mögliche Herangehensweise von vielen zu sein scheint. Sie beladen Begriffe wie “Impfschäden” einseitig mit Angst und haben emotional versüsste, eindeutige Antworten parat, wo Fragen ausführlich beantwortet werden sollten oder auch mal offen bleiben müssten. Sie wissen, dass sie da ansetzen müssen, wo es gerade piekt (Stichwort: Tetanusspritze) und sie wissen aus eigener Erfahrung, wo sie die Leute gedanklich abholen können:

Katja S. liebe Corinna H. wenn ich in deinem beitrag richtig gelesen habe dann ist deine kleine maus ungeimpft ? MEINE MEINUNG ist,lass die wunde mit den splittern, falls es geblutet hat,einfach bluten. den rest macht der kleine gesunde körper selber. wir haben einen sooo tollen selbstheilungsprozess in unserem körper stecken.

Zwei wesentliche Punkte bleiben in meinem Bericht noch offen. Erstens die Frage, was gegen all das getan werden kann. Im Wesentlichen denke ich: Reden, Konfrontieren und die Diskussion nicht scheuen. Für mich ist klar: Das hier ist keine Debatte um Extrempositionen, aus man sich heraus halten sollte, weil das schlau und vernünftig ist. Inzwischen geht es um die aktive Verteidigung der Vernunft. Impfgegner sind nicht mehr nur eine kleine Minderheit von Spinnern, die ignoriert werden kann. Sie sind eine grosse Minderheit von Spinnern und eine noch viel grössere Anzahl von Leuten, die ihre simplen Antworten gern übernehmen, weil sie sonst keine bekommen oder sie aus nachvollziehbaren Gründen nicht verstehen oder akzeptieren können. Sie drücken Angst und Zweifel in die öffentliche Wahrnehmung, die dort haften bleiben, wo keine Gegenrede ist. Vielleicht hat Judith mit ihrer Kindergarten-Eskapade sogar recht: das Schweigen der einen wird als Zustimmung für die Position der anderen gewertet. Am gravierendsten ist jedoch: die Folgen des Fortschreitens dieser Entwicklung treffen nicht nur die Leute selbst. Der Impfschutz für die Allgemeinheit ergibt sich aus einer hohen Durchimpfungsrate. Und der für Personen, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können, aus der Immunität derer, mit denen sie in Kontakt kommen. Es ist kaum übertrieben, zu sagen dass eine der vielleicht grössten Errungenschaften der Menschheit in Gefahr ist, wenn man sich die ersten Folgen der Impfverweigerung ansieht: Kalifornien hat eine Keuchhustenepidemie, und hierzulande sind die Masern zurück.

Der zweite offene Punkt betrifft die die Frage, was die Impfgegner antreibt. Darauf will ich hier nicht mehr ausführlich eingehen, das tute ich ggf. gesondert. Verkürzt würde ich sagen: Es gibt verschiedene Rollen im Kabinett der Impfgegner und sie haben unterschiedliche Motivationen. Gemein haben sie eine Art religiösen Eifer. Es ist mal wieder Judith, die mir das verdeutlicht, als sie an passender Stelle das Wort “bekehren” benutzt:

Judith R. nein sorry stephan daran liegts nicht das einzige was bis jetzt auffrischen brauchte ist fsme da ich erst vor 7 monaten bekehrt wurde

Und weil es auch Judith ist, die in diesem Bericht am meisten gesagt hat, möchte ich ihr nun das letzte Wort geben. Es könnte das “Vaterunser” der Religion der Nichtimpfer sein und es fasst den gesamten Komplex Impfgegnerschaft kurz und knapp und in angemessenem Duktus zusammen:

Judith R. wer war zuerst da ei oder huhn ei mensch huhn impfung einduetig ei

Update:

Ich bin nach der Diskussion aus der Gruppe ausgetreten, weil ich tatsächlich mental am Limit war. Von jemandem, der in der Gruppe verblieben ist, habe ich erfahren, dass die Diskussion – wie zu erwarten war – kurze Zeit später von den Gruppenadministratoren gelöscht wurde.

Bezug nehmend auf ottoerichs Kommentar, dass das hier ein Kampf gegen Windmühlen ist: ich stimme vollkommen zu, dass der Versuch sinnlos ist, die überzeugten Impfgegner eines besseren zu belehren. Wie erwähnt, trägt das ganze glaubenshafte Züge und alles was ihrem Glauben entgegensteht, ist für diese Leute kein potenzieller Erkenntnisgewinn, sondern eine Bedrohung für ihr Weltbild. Ich wiederum bin jedoch überzeugt von der Sinnhaftigkeit derartiger Diskussionen, und zwar wegen der Aussenwirkung. Denn wo die Überzeugten sind, sind auch die Nicht-Überzeugten und für diese ist es wichtig, dass Widerspruch im Raum ist. Mir ist klar, dass der Nutzen von Impfungen für die allermeisten so selbstverständlich ist, dass sie das nicht als aussprechens- und vertretenswerte Tatsache empfinden, aber all das hier sollte Grund sein, es dennoch zu tun.

2. Update:

Was ich anscheinend nicht oder nicht deutlich genug gesagt habe, weil mir das selbstverständlich schien: Ich trete nicht kategorisch für Impfen ein – jedenfalls nicht in dem Sinne, dass ich finde, dass möglichst viel und gegen möglichst viel geimpft werden sollte. Mir geht es darum, deutlich zu machen, dass die generelle Ablehnung von Impfungen im Widerspruch zum medizinischen Konsens (kurz: Impfgegnerschaft) keine Fragen beantwortet, sondern eine Ideologie ohne sinnvolle Begründungen ist. Die – medizinische – Frage, ob eine bestimmte Impfung in einem bestimmten Fall unter bestimmten Bedingungen Sinn macht oder nicht, ist etwas völlig anderes.

Und damit vertrete ich auch überhaupt gar keine extreme Position, sondern eine, die die allermeisten Leute – zum Glück! – so selbstverständlich finden, dass sie ihnen wohl oft gar nicht aussprechens- und verteidigenswert scheint: Impfungen sind sinnvolle und nützliche medizinische Massnahmen und wenn man sie entgegen ärztlichen Empfehlungen nicht nutzt, dann muss man das besonders gut begründen und nicht besonders schlecht.

Gleichwohl ist auch die Gesamtsituation meiner Ansicht nach nicht die, dass es die Impfgegner auf der einen und die Impfbefürworter auf der anderen Seite gibt und dazwischen eine Grauzone liegt, in der irgendwo “die Wahrheit” zu finden ist. Es gibt schlicht und ergreifend gute Argumente und es gibt schlechte. Und die Argumente der Impfgegner liegen hier auf dem Tisch und sie taugen nichts – auch dann nicht, wenn man sie noch mal unter Anwesenheit von Rechtschreibung vorträgt:

babbeldi Zum Bedenken: Ein Impfgegner wird nicht aus heiterem Himmel ein Impfgegner, sondern muss sich gegen viele Behaupten, was nicht immer sehr leicht ist, da von fast überall Gegenwind kommt. Es ist also nichts unüberlegtes.

(Das ist schön und gut und völlig sinnlos, denn: nur, weil man sich etwas bis an die Grenze des eigenen Verstandes überlegt hat, ist es noch lange nicht richtig.)

3. Update:

Der Vergleich mit dem Julimorgen im Freizeitpark ist inzwischen, äh: hinfällig :-(

Wie ich einmal Fusspilz hatte

Seit einiger Zeit juckt’s linksseits zwischen dem kleinsten Zeh und seinem etwas grösseren Nachbarn. Monatelang gelingt es mir, meine medizinische Vermutung mit dem unbewussten Argument zu ignorieren, dass es sich hier um eine Erkrankung handelt, die in den 80iger Jahren – und nur da – stattgefunden hat, aber irgendwann lässt ein optischer Abgleich der betroffenen Stelle mit einer Google Bildersuche nur wenig Zweifel offen und so geh ich in die Apotheke, in die ich meistens gehe, frage nach was gegen Fusspilz und was denn dieses Lamisil Once taugt, das damit beworben wird, dass einmalige Anwendung reicht. Die herkömmlichen Cremes muss man wochenlang täglich zwei mal auftragen, sonst wird alles nur noch schlimmer, so heisst es.

Der bislang noch sehr freundliche Apotheker rollt die Augen und meint, davon halte er “gar nichts”. Frag ich: Wieso? Sagt er: dass es nicht funktioniert. Frag ich wieder: Was das heisst? Meint er: dass es nichts bringt. Dabei sinkt mit jeder weiteren Frage-Antwort-Runde die Stimmung des Apothekers und gleichzeitig steigt im umgekehrten Verhältnis die Genervtheit meinerseits. Und es geht ungefähr noch eine Minute so weiter: Ich frage nach der Begründung, warum er nichts von dem Zeug hält und er antwortet mit Sätzen wie “es tut nicht, was es soll”. ‘Reinhold-Helge, Reinhold-Helge, drei Monate lang nur diese beiden Namen.’ – das fällt mir leider erst hinterher ein, sonst hätte ich wohl vor Ort laut losgelacht.

Irgendwann, nachdem ich dargelegt habe, dass ich das Einmal-Zeug auch deutlich billiger hätte bestellen können und gekommen bin, um für Filial-Apothekenpreise eine gewisse Beratung zu erhalten, lässt er dann raus, dass er sich auf die Erfahrung mit seinen Kunden bezieht. Die meisten, die es gekauft hätten, wären enttäuscht und mit schlimmen Rückfällen wiedergekommen und hätten gierig das herkömmliche Zeug verlangt, wobei er “gierig” nicht sagt, aber dem Tonfall nach wohl meint. Frag ich also, um wie viele Kunden es denn geht und komme der Entgegnung, dass er das ja nun mal ganz bestimmt nicht mitzählt, gerade noch zuvor, indem ich ihm verschiedene Grössenordnungen zur Auswahl stelle: “Einen pro Monat? Zehn? Hundert? Tausend?”, worauf er zischt: “95 Prozent”, sich dann sichtbar erinnert, dass es hier mit jemandem zu tun hat, der es “ganz genau” nimmt und nachschiebt: “von etwa 25 Kunden im Monat”. Ich sage: alles klar, das reicht mir, dann bitte das herkömmliche Zeug. Er guckt verwirrt, fragt noch mal nach, schiebt mir die Tube rüber, gibt mir das Wechselgeld und wendet sich ohne Verabschiedung den Mädels zu, die hinter mir anstehen. Ich male mir aus, wie er sich mit denen jetzt gleich sehr einig sein wird, was für ein ätzender Kunde das gerade war, während er ihnen rückfragefrei ne Schachtel Meditonsin aus dem Regal direkt hinter ihm auf Augenhöhe verkauft.

Auf dem Nachhauseweg denk ich: was für ein Horst und auch: wie symptomatisch. Mal abgesehen davon, dass der gereizte Pharmazeut von genau gar keiner Erklärung auf einmal auf einen recht spezifisch klingenden Prozentwert kommt und trotz seiner offen vorgebrachten Abneigung gegen das Einmal-Mittel 25 Kunden im Monat dafür haben will, wird mir hier etwas über das typische Apotheker-Kunde-Verhältnis klar. Mir scheint deutlich geworden zu sein, dass dieser Apotheker schlicht und ergreifend nicht damit gerechnet hatte und es nicht gewohnt ist, von Kunden in seiner Meinung und seinen medizinischen Empfehlungen hinterfragt zu werden. Nur so kann ich mir erklären, dass schon ein einfaches “warum?” auf seine nichtssagende Antwort auf die Stimmung schlägt und auch nur so erklärt sich mir der äusserst langwierige Versuch, mich durch verschätfung der Tonlage zu überzeugen und nicht durch Sachargumente. Und da dies zwar ein krasser, aber nicht der erste derartige Fall ist, den ich in verschiedenen Apotheken erlebt habe: Es scheint in dieser Branche einfach nicht üblich zu sein, Medizin sachlich zu erklären und ich vermute, das liegt weniger an einer allgemeinen Neigung des Apothekerstandes zum Schwammigen, sondern daran, dass das einfach auch viel zu wenig nachgefragt wird.

Und deswegen scheint es mir wichtig, genau das zu tun und sich eben nicht um der guten Stimmung im Verkaufsgespräch willen um kritische Fragen auf vorschnelle Antworten zu drücken: “Warum empfehlen Sie mir genau das für mein Symptom” – “Was macht Zink und wie wirkt das?” – “Gibt’s da Studien zu?” – “Umckaloabo – was ist das überhaupt?”. So in der Art. Der Witz ist ja: Apotheker müssen sowas wissen und tun das auch meistens. Wenn aber seitens der Kundschaft der Eindruck erzeugt wird, dass möglichst sinnlich klingende Antworten auf medizinische Fragen (“stärkt die körpereigenen Abwehrkräfte”, “wirkt sanft und ohne Nebenwirkungen”) die grösste Kundenzufriedenheit erzielen, dann wird auch genau das angeboten und erwartet. Und das scheint mir ein lösbares Problem zu sein – man muss es nur tun.